Infos zu den September-Noten

In diesem Extrabeitrag außer der Reihe findet Ihr:

  • Hintergründe zur etwas größeren Partitur der Septemberausgabe – die „Aspekte Gottes“.
  • Ein paar Gedanken über Gott und die Welt, von Pascal, von Udo Lindenberg, von Carl Sagan und von mir
  • Ein paar Probentipps aus der Praxis, Notenbeispiele und vor allem
  • Klangbeispiele aus den „Aspekten Gottes“ aus einer Live-Aufführung in einem Ergänzungsvideo.

Viel Freude!

 

Dieser Beitrag ist eine Ergänzung zu dem großen September-Hörspiel. Es spiegelt den Schöpfungsgedanken im Blick Luthers und Bachs, sowie und dem der modernen Kosmologie.

Der Septemberbeitrag entwickelt beide Konzeptionen parallel. Der „Ursprung von allem“ bleibt letztlich beiden Annäherungen verborgen. So unfassbar nahe sich die Quantenphysik an den Ursprung heranzurechnen vermag, bleiben unbeantwortete Fragen. Ebenso wenig können die Religionen Gott als Einheit fassen. Es bleiben Aspekte.

Für mich als Musiker gilt dasselbe. Wenn ich mich mit den Kräften beschäftige, die das Universum erschaffen haben, mit dem Schöpfergott des All(e)s, dann kann ich das als Mensch per definitionem nur unvollkommen, in Ausschnitten tun. In diesem Punkt herrscht auch unter den drei auf Abraham zurückgehenden Religionen, also Judentum, Christentum und Islam, Einigkeit.

Dieser Ergänzungsbeitrag stellt die Noten für den September vor – in denen ich mir als Musiker genau diese Gedanken über den Schöpfergott und damit zugleich die Schöpfung mache. Wie lässt sich das Unendliche in Töne setzen? Und…, wenn etwas „unendlich“ ist…, kann dieses „Unendliche“ etwas ausschließen? Eine „falsche“ Religion? Gegenüber einer „wahren“ Religion?

Nehme ich den Begriff des „Unendlichen“ wörtlich, lautet die Antwort per definitionem: Nein! Was bedeutet das dann für die Noten, die ich drüber schreibe? Sind nicht alles, unsere ganze Welt, Aspekte eines All-Umfassenden? Bruchstücke? Fragmente?

In der Folge ein paar Gedanken und Konsequenzen dazu. Und unten, am Schluss, habe ich ein Video eingestellt mit Ausschnitten aus der Musik, aus dem klanglichen Ergebnis, zu dem ich damals gekommen bin.

Unendlichkeiten Gottes in den Abrahamitischen Religionen

„Aspekte Gottes“ – frühes Titelblatt der Partitur.

Besetzung: Gemeinde, Chor a 3, Kinderchor (1-stg., altern. Sopr.-Solo), Posaunenchor a 5, Klavier, Orgel, 2 Pauken, Tamtam.

„Aspekte Gottes“ ist denn auch das Stück, das zur Septemberfolge der Dreistromgeschichten passt. Der Islam kennt die Tradition der „99 Namen Allahs“. „Namen“, das sind in diesem Kontext immer zugleich Eigenschaften Gottes, greifbare Aspekte der dem Menschen ansonsten unzugänglichen Unendlichkeit. Die Ziffer 99 steht im islamischen Denken als Chiffre für eben diese Unendlichkeit.

In der Zahlensymbolik ist die 100 das Bild der Vollkommenheit, und Abgeschlossenheit. Gott, so die Mystik, ist die instanziierte Vollkommenheit, abgeschlossen und unendlich offen zugleich. Für uns Menschen fasslich ist allenfalls die Ahnung nie endender Variabilität Allahs. Nach der umfassenden Vollkommenheit Gottes können wir nicht einmal fragen. Die 100 ist uns unzugänglich. Daher eben „nur“ 99 Namen, die im islamischen Volksglauben, dem katholischen Rosenkranz ähnlich, als Litanei gebetet werden.

Der Bezug hinüber zum Christentum fällt leicht. Hier wie dort dieselben Bilder, dieselben Konzeptionen.

Werfen wir vor diesem Hintergrund einen Blick auf die erste Strophe des Chorals „Wie leuchtet der Morgenstern“ von Philipp Nicolai. Kirchenjahreszeitlich ist es eigentlich dem Epihaniasfest zugeordnet. Es zählt mit dem Geschwisterlied „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ zum Kernbestand im Liedgut beider großer Konfessionen. Tatsächlich lohnen die Choräle eine eigene Dreistromgeschichte.

Aber zurück zur ersten Strophe des „Morgensterns“: Wer die Essenz des Textes wiedergeben wollte, wäre möglicherweise in Verlegenheit. Inhalte gibt es im engen Sinne nicht.  Stattdessen finden wir eine Anreihung von Gottesattributen, die der Kette der „99 Namen Allahs“ entstammen könnte – und es, anbei bemerkt – durchaus tut. Wer ist Gott? Schon die erste Choralzeile beantwortet diese Frage dreifach: Gott ist schön, er leuchtet, er ist der Morgenstern. Und weiter: Gott ist gnädig, er ist die Wahrheit, er ist Herr.

Bis auf die grammatisch notwendigen Präpositionen bezieht sich nahezu jedes einzelne Wort auf eine oder – implizit – mehrere Eigenschaften Gottes.

Eine Choralfantasie für die gesamte Gemeinde…

Der Chor ergänzt den Choral um weitere Namen Gottes, Namen, die aus dem Lateinischen, Griechischen, Hebräischen kommen. Gott als Adonai (hebr. für „Herr“), als Basileus (König), als der Bundesgott El-Eloah, als Messias, als Pankreator.

Spätestens hier, im „Pan-Creator“, dem „All-Erschaffer“, schließt sich der Bezug zur diesjährigen Dreistromgeschichte.

Bild links:

Philipp Nicolai (1556 – 1608). Lutherischer Hofprediger und Pfarrer, sowie Schöpfer der beiden Choräle „Wie schön der Morgenstern“ und „Wachet auf!, ruft uns die Stimme“.

Eine Idee hinter dem Stück war die Mitwirkung von möglichst Vielen. Der Gemeinde ist der Choral anvertraut. Darüber meditiert der dreistimmige Chor über die Namen Gottes – die zugleich auch Aspekte seines Wesens beschreiben. Bläserchor, Klavier und Orgel verbinden beide Bereiche.

Eingeflochten ist ein Kinderlied. Weise und Text sind der Lebenswirklichkeit von Grundschulkindern angepasst. Falls es in der jeweiligen Gemeinde keinen Kinderchor gibt, lässt sich die entsprechende Partie auch von einer Sopranistin singen – die, als Erwachsene, aber andere Zugänge und ein anderes Vokabular zum Göttlichen hat. Der Text ist entsprechend angepasst.

…und darüber hinaus

Ich hoffe, dass die „Aspekte Gottes“ darüber hinaus auch zu einer über-religiösen Meditation taugen können. Die proprietär christlichen Aspekte der Choralvorlage werden Menschen des Jüdischen oder Islamischen Glaubens anders hören als Christen. Dennoch ist Jesus als „Rabbuni“ im jüdischen und als koranischer Prophet im islamischen Denken anerkannt und verwurzelt.

Für das Tetragrammton „JHWH“ habe ich den in der Jüdischen Tradition gängigen Begriff „Hashem“ gewählt. Er ist für alle Religionen unproblematisch. Und aus den 99 Namen Allahs erscheinen ebenfalls einige in den Chorpartien – wenngleich in Übersetzungen.

Wer also ist Gott für uns? Oder…

JHWH: Das Hebräische Gottes-Tetragramm

Beim gegenseitigen Zusingen einiger ihrer/seiner Attribute wachsen aus jeder Antwort neuen Frage an die Musizierenden: Wie füllen wir, was wir singen und hören? Was bedeutet ein „Morgenstern“ in diesem Kontext konkret-inhaltlich? Das „Liebliche“? „Freundliche“? Der „Barmherzige“ – einer der Schlüsselbegriffe im Islam?

….wozu sind Kriege da?

Oder…, füllen wir die Aspekte Gottes mit den oft unbarmherzigen Aspekten des Menschlich- Allzu Menschlichen?

Die Nachrichten sind immer wieder voll von den Taten derer, die weniger dem lieblichen, als vielmehr ihrem unbarmherzigen Gott dienen. Mit allen verheerenden Folgen. Nicht erst Pascal und Udo Lindenberg wissen, dass keine Mutter ihre Kinder verlieren will, sei es in beliebigen „heiligen“ oder „unheiligen“ Kriegen, sei es sonst wo.

Warum geht es viel zu oft um diesen „religiösen Zwist, dass man sich nicht einig wird, welcher Gott nun der wahre ist“? Obgleich in den Quellen die Gemeinsamkeiten so massiv überwiegen.

Noch einen Schritt weiter könnten wir es mit Luther/Bach zu formulieren: Sofern das „Wir glauben all‘ an einen Gott“ gilt – glauben wir dann nicht per definitionem an den grundsätzlich selben Gott?

Wozu also sind Kriege da?

Das Stück ist eine Einladung an viele Menschen aller Religionen und Weltanschauungen, gemeinsam ihre jeweiligen „Aspekte Gottes“ zu reflektieren und dabei die anderen Aspekte, die die singenden Nachbarinnen und Nachbarn mit ihren Gottesbildern verbinden, als Teil des All-Einen zu ehren. Vielleicht entstehen in der Folge Gespräche, vielleicht sogar Freundschaften?

Größen- und Zeitverhältnisse

Für mich zumindest gilt: Wer meint, Gott sei „genau“ so – und „nur“ so, wie es die eigene religiösen Überzeugung oder das eigene heilige Buch gebietet, hat nichts von der Größe einer allumfassenden schöpferischen Kraft verstanden. Eine Energieform, die ein über Milliarden Jahre währendes Universum erschafft; einen Kosmos, dessen Ausmaße und Komplexität sich jeglicher menschlicher Vorstellung entziehen, eine solche Energieform sollte hineinpassen in ein religiöses System einer kleinen „auserwählten“ Gruppe zweibeiniger Geschöpfe, die, als Gesamt-Spezies, wahrscheinlich noch keine 200.000 Jahre lang existiert? Die den Großteil ihrer Geschichte mit Jagen und dem Herstellen einfachster Steinwerkzeuge verbracht hat?

Die Idee hätte etwas Niedlich-Humoristisches, wenn sie nicht für so viel Leid unter den anderen zweibeinigen Geschöpfen gesorgt hätte – und immer noch sorgen würde…

Ein blass-fahler Punkt…

Mit fällt in solchen Zusammenhängen gerne die berühmt gewordene Fotocollage ein, die auf Anregung des amerikanischen Astronemen Carl Sagen zurückgeht. In einer Entfernung von etwa 6 Milliarden Kilometern wurde die Raumsonde Voyager 1 um 180 Grad gedreht. Die Sonde war zu diesem Zeitpunkt, also im Februar 1990, bereits jenseits der Neptunbahn und „schaute“ demzufolge auf das Panorama unseres Sonnensystems.

Die Erde schimmert aus dieser Distanz als fast nicht mehr wahrnehmbarer „pale blue dot“, als fahler, blauer Punkt in der Schwärze des Alls. Alles, was die Menschheit je ausgemacht hat, alles Leben, alles, was uns angeht, hat auf diesem „Nichts“ seine Bühne.

Der Jenaer Astronom Florian Freistetter hat, kürzlich erst, einen Beitrag zu dem, wie er es nennt, „berühmtesten schlechten Fotos der Welt“ gemacht. Wer interessiert ist, kann in Folge 350 seines Astroblogs die Geschichte der Aufnahme nachhören. Gegen Ende kommt Sagan selbst zu Wort – dessen Worten habe ich nicht viel hinzuzufügen.

 

„Pale Blue Dot“ (NASA, auf Anregung von Carl SaganAufgenommen am 14. Februar 1990. Teil einer Serie aus 60 Bildern durch die Raumsonder Voyager 1 aus über 6 Milliarden Kilometern Entfernung. Selbst in der Vergrößerung ist der blass-fahle, blaue Punkt kaum zu erkennen, wenn auch nur ein wenig Staub auf dem Monitor ist…

Quelle: Wikipedia

Ein wenig Demut…

Eines vielleicht nur – an die, die die Welt partout aus der religiösen Perspektive betrachten und einem ausschließlichen/ausschließenden Gott „dienen“ möchten: Wer sind wir, dass wir „wissen“ wollen, was eine Macht kosmischer Größenordnung „will“? Oder „braucht“? Oder welche „Vorlieben“ sie hat? Sollte eine Macht astronomischer Dimensionen wirklich irgendwelche religiöse Eiferer, mit oder ohne Bart, „brauchen“, um ihren „Willen“ durchzusetzen.

Der Gedanke scheint mir – Verzeihung – in jeder religiösen Spielart lächerlich. Sagans Foto – selbst nur ein winzigstes Detail des Ganzen – seht halt hin!

Ein wenig Demut täte manchmal gut…

Klangimpressionen und Probentips

Zu guter Letzt ein paar Klangeindrücke. Dazu hab‘ ich Euch ein kleines Video gemacht – diesmal nicht vom Computer generiert, sondern auf Basis einer Live-Aufführung: Im Advent 2016 hatten wir die „Aspekte Gottes“ im Gottesdienst gemacht. Der Mitschnitt davon bildet die Basis der Aufnahme.

Den Chorleiter/Innen unter Euch geb‘ ich noch ein paar Tips mit, die sich beim Einüben bewährt haben. Allen anderen viel Spaß beim Hören.

Den kompletten Mitschnitt der „Aspekte“ aus jenem Adventsgottesdienst in der Kreuzkirche findet Ihr als Audiostream im Mitgliederbereich. (Bitte dazu einloggen oder einen kostenlosen Account erstellen). Dort steht auch eine teil-gelöschte, unvollständige Partitur zur Ansicht und zum Mitlesen bereit.

Die vollständigen Materialien sind, wie gesagt, im Vertrieb von Kistner und Siegel, Brühl (siehe unten).

Noten erhältlich über den Verlag Kistner und Siegel/Brühl

Partitur und Stimmen der „Aspekte Gottes“ sind publiziert bei Kistner und Siegel, Brühl und erhältlich über die HeBu-Musikverlag GmbH. Test