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Skript zum Podcast Dreistromgeschichten - Folge 8

Zusammenfassung: Februar 1900. Der 27-jährige Max Reger schreibt an einem seiner großen Orgel-Symphonischen Werke. Innerhalb von vier Wochen entsteht sein Opus 46, die Fantasie und Fuge über die Töne B-A-C-H. Vier Töne – und unter Regers Feder entsteht eine Kathedrale der Orgelmusik, ein „überzeitliches Gipfelwerk der Orgelliteratur“, wie es Fritz Stein formulierte.

Nach dem langen, langen September-Hörspiel und den geschichtlichen Folgen der letzten Monate steht heute eines der großen Werke für Orgel im Mittelpunkt. Wir beschränken uns hier auf die Fantasie und versuchen, in dieser Dreistromgeschichte zu dritt, einen Pfad durch das Dickicht der Partitur zu finden.

 

Erweiterte Inhalte im April:

Melencolia I. Trauernder Engel. Adagio. Ein Werkstatt-Particell

Es hätte ein Orgelstück werden sollen. Gut passend zum Thema dieser Episode. Alles weitere erzähl‘ ich in einem eigenen Beitrag. Hier nur die Grunddaten:

Tonart: es-moll. Besetzung: Orchestral. Particell mit insgesamt 33 Seiten, DinA-4 im Querformat.

Schwierigkeitgrad: Hoch! Trotz des langsamen Tempos: Der größer angelegte Satz ist schwer und wird sich einer „normalen“ kirchenmusikalischen Gemeindearbeit in den meisten Fällen entziehen.

Im Mitgliederbereich könnt Ihr die Noten kostenfrei downloaden (Login erforderlich). Außerdem gibt es auf der Beitragsseite und auf Youtube ein Video, zum Anhören, Mitlesen, mit einigen Details des Dürer’schen Kupferstichs, zum Zurücklehnen. Spieldauer: Ca. 15 Minuten.

Keine neuen Inhalte im Dreistromland-Shop.

Die nächste Dreistromgeschichte erscheint am 18. November.

Max Reger: Fantasie über B-A-C-H, op. 46

von Thomas Jung | Dreistromgeschichten

Max Reger (1873-1916) ist im deutschsprachigen Raum vielleicht die zentrale Persönlichkeit für die Orgelliteratur nach Johann Sebastian Bach. Sein umfangreiches Oeuvre umfasst Werke für Liturgie, das Konzert und Unterricht; berühmt sind seine groß angelegten symphonischen Fantasien, Passacaglien und Fugen, die „Elefanten“, wie es sie selbst zuweilen nannte. Eine ausgezeichnete Kurzbiographie findet Ihr u.a. hier…

Diese Episode versucht, einen Zugang zu Regers B-A-C-H-Fantasie anzubieten.

Bild links: Max Reger im Alter von 27 Jahren. Aufnahme vom 14.08.1901. (Quelle: Max-Reger-Institut, Karlsruhe. Signatur: Ft. 1900/01a)

Begrüßung und Einleitung

THOMAS

“Nicht Bach, Meer soll er heißen.” So Ludwig van Beethoven über den Thomaskantor. Max Reger hatte es kompromissloser formuliert. Bach, so formulierte er es bei verschiedenen Gelegenheiten, sei Anfang und Ende aller Musik. Herzlich Willkommen zu dieser orgelsymphonischen Dreistromgeschichte!.

Trotz der Begrüßung: Heute erklingt kein einziger Ton von Johann Sebastian Bach. Im Mittelpunkt steht die Fantasie über die Töne B-A-C-H, op. 46 von Max Reger. Die Musik ist fantastisch, wenngleich beim ersten Hören nicht sofort zu erschließen. Allerdings ist es nicht allzu schwer, anstatt eines “Orgelgewitters” Regers Bauplan hinter den 25 Seiten Noten zu verstehen und die Schönheiten der Musik herauszuhören. Um das zu erreichen, wird dieses Konzert eine andere Form haben als die Mittwochsmusiken, die die Stammgäste der Reihe gewohnt sind. Helfen tun mir Kirsten…

KIRSTEN

Einen schönen Abend in die Runde!

THOMAS

…und Julian.

JULIAN

Auch von mir einen guten Abend!

THOMAS

Gemeinsam erzählen wir Euch eine Geschichte. Wir tun das in derselben Form, in der Reger seine Fantasie baut. Die äußere Form des Konzerts folgt quasi der inneren Form der Musik, die Ihr hört. Ok…, plus einer kurzen Einleitung…

JULIAN

Was für eine Geschichte? Geht das nicht schneller, wenn du das Stück analysierst? Ich hab’ es mal gegoogelt: Im Internet, genauer auf cappricio-kulturforum.de, stellte jemand mit dem schönen Pseudonym „Mauerblümchen“ die Frage, wie man wohl von es-moll nach E-Dur transponieren könne. Mauerblümchens prompte Antwort:
es-moll/F-Dur/c-moll/E-Dur. Hier sind die Noten…

Bild oben: Regers harmonisches B-A-C-H-Gerüst in „Mauerblümchens“ (siehe Skript) knapper Analyse.

THOMAS

Ja. Ganz toll! Verrätst du uns auch, wem diese Erkenntnis nützt?

KIRSTEN

Ähm…, Mauerblümchen ist abwesend, kann seine graue Theorie demnach leider nicht vorspielen? Aber… du? Julian?… Wie wär’s?

JULIAN

Oh…, also…, ich bin heute nur der Sprecher…

THOMAS (geht zur ORGEL)

Also: Hier. Achtung: Regers Fortissimo!…
[ORGEL (im Podcast ein Mitschnitt)]

THOMAS

Und statt in einer Geschichte sind wir mitten im Orgelgewitter. Genau das wollten wir vermeiden…

JULIAN

Ok…, was meinst du mit “Geschichte erzählen”? Regers Lebensgeschichte?

THOMAS

Weiß nicht. Aber…, das könnte eine Einleitung für unsere Geschichte werden. Du hast etwas über Reger gegoogelt, meintest du?

JULIAN

Naja…, diese BACH-Fantasie hat er im Jahr 1900 geschrieben. Um die Jahrhundertwende schreibt Reger viele seiner großen Orgelwerke. 1898 ist er aus dem Militärdienst zurück gekommen. Psychisch gebrochen, gescheitert. Mit einem Alkoholproblem, verschuldet. Seine Familie hatte ihn in Schande und allen Unehren wieder aufgenommen. Und ihm strikte Lebensregeln auferlegt. Noten schreiben immerhin…, das durfte er.

KIRSTEN

Vielleicht war das seine eigene Art der Musiktherapie? 

JULIAN

Irgendwie…, vielleicht schon. Trotzdem: Wirklich gut ging’s ihm damals nicht.

Bild oben: Max Reger, op. 46. Titelseite der Handschrift. Abschrift für Karl Straube. Mit freundlicher Genehmigung des Max-Reger-Instituts, Karlsruhe.

KIRSTEN

Mir auch nicht mehr, wenn ich diese Noten sehe. Gugg’ mal…, Geht das so über…, wieviel, sagtest du?…, 25 Seiten weiter?

THOMAS

Nee. Die Fuge ist übersichtlicher. Dieses etwas dichtere Notenbild hat nur die Fantasie.

KIRSTEN

Dieses “etwas dichteres Notenbild!”… Haha! Untertreibung des Tages. Dichteres Notenbild…, pfft! Papiergewordene Zumutung! Schwarzes Gehölz aus 32-stel Notenbalken, in Akkordtürmen, die sich zehn- und elfstimmig durch die Notensysteme wälzen. Garniert mit fünf B’s vorweg.

JULIAN

Reger hat das Stück dem Komponisten Josef Rheinberger gewidmet. Der soll das Heft auf- und prompt wieder zugeklappt haben. Warum schreibt jemand sowas?

KIRSTEN

Zumindest mit dem BACH-Motiv ist Reger in bester Gesellschaft. 

Bild oben: Max Reger, op. 46. Erste Seite der Handschrift in der Abschrift für Karl Straube. Mit freundlicher Genehmigung des Max-Reger-Instituts, Karlsruhe.

Bild oben: „Bach“ als Vierton-Motiv…

JULIAN

Was meinst du?

KIRSTEN

Naja…, seit Joh. Seb. Bach höchstselbst es verwendet hat, geistert es durch die Musikgeschichte. Schumann hat sechs Fugen über diese Töne geschrieben. Liszt eine große Orgelfantasie. Nach Reger meditieren sich Otto Barblan und Sigfrid Karg-Elert durch das Motiv. 1900 also auch Reger. Aber…, Himmel!, wie kriegt man 25 Seiten mit vier Tönen voll?

JULIAN

Tjach…., wenn du die vier Töne groß genug ausdruckst. Bei der Kölner Außenwerbung schaffen die sowas in Plakatgröße…

KIRSTEN

Sehr witzig…

JULIAN

Oder du schreibst zu den vier Tönen ein paar weitere dazu?… 

Reger, op. 46. Druckfassung der ersten Seite. Erstes B-A-C-H-Motiv markiert. Quelle: IMSLP

Reger, op. 46, Ausschnitt: „Akkordtürme“. Quelle: IMSLP

Reger, op. 46, Ausschnitt: „Wackelmotiv“ (Entwicklungsmotiv). Quelle: IMSLP

KIRSTEN

Du bist heute sowas von hilfreich! Diese Töne, B-A-C-H, wo stecken die in dem Notenwust überhaupt?…

THOMAS

In der Oberstimme. Ok…, ich mach’ die Orgel mal leiser. B-A-C-H…, die vier Töne alleine…
[ORGEL….]

THOMAS

…klingen so. Reger harmonisiert sie eindrucksvoll aus. Die rhythmische Prägnanz dieses Motivs hat bereits die Zeitgenossen beeindruckt.

KIRSTEN

Harmonisch ist diese Akkordfolge irgendwie “unabgeschlossen”. Keine Schlusswirkung! Als müsse da noch irgendwas kommen…

JULIAN

Kirsten…, da KOMMT noch etwas! Definitiv! Deine… deine Akkordtürme zum Beispiel.

KIRSTEN

Hält einen Moment Pause Nicht nur. Schau…, auf Seite drei wird’s übersichtlicher.

JULIAN (spöttisch)

Klar, das Blatt sieht geradezu leer aus.

KIRSTEN

Hab’ ich nicht gesagt. Übersichtlicher! Nicht leer. Ernsthaft: Selbst du solltest sehen, dass hier keine Akkordtürme mehr stehen! Eher ein…, eine Art “Wackelmotiv”. Hier, sieh’ halt hin!

THOMAS

Perfekt! Damit ist die Einleitung abgeschlossen. Einverstanden? Wir haben etwas zu Regers Lebenssituation um 1900 gehört. Und etwas zur Allgegenwart des BACH-Motivs in der europäischen Musikgeschichte. Jetzt sind wir ganz mühelos in Regers Notentext gelandet.

JULIAN

Und in der Geschichte?

THOMAS

Wäre mein Vorschlag.

KIRSTEN

Also…, ich weiß, dass Leonard Bernstein, der Dirigent, einmal behauptet hat, reine Musik könne man nicht in Sprache übersetzen.

THOMAS

Wohl wahr. Beim Wort “Stuhl” hat jeder ein Sitzmöbel im Kopf. Bei den Tönen G-B-D… hat man, nun ja…, halt die Töne G-B-D im Kopf. Höchstens einen Moll-Dreiklang, sofern man Musiker ist. Jedenfalls nicht viel mehr.

JULIAN

Bei den Tönen B-A-C-H ist das anders!

KIRSTEN

Stimmt…, Bach! Im Kontext mit Musik und Orgel ist eindeutig kein fliessendes Gewässer gemeint.

JULIAN

Reger selbst hat’s zugegeben. In einem Brief, erinnere ich mich: “Vor allem”, so notierte er…

Reger im Januar 1900, brieflich an den Verleger A.W. Gottschlag:

“vor allem gedenke ich, eine Fantasie und Fuge über BACH zu schreiben für Orgel! Das muß ein Werk größten Stils werden, und ich werde mir alle Mühe geben!”

(noch) JULIAN

Bach war Regers Maßstab. Anfang und Ende aller Musik… Zu Beginn hast du’s noch gesagt.

THOMAS

Dennoch bleibt’s ein Motiv aus vier Tönen. Vor allem für Menschen, die mit Notennamen nicht viel am Hut haben. In anderen Sprachen funktioniert das sowieso nicht. Trotzdem habt ihr Recht: In unserem speziellen, deutschsprachigen Fall ist der Bezug zu Johann Sebastian Bach naheliegend. Deshalb können wir daraus unsere Geschichte machen.

KIRSTEN

Wie?

THOMAS

Wie war das für euch? Wann habt ihr zum ersten Mal von Bach gehört? Also…, ihr persönlich.

JULIAN

Ich? Keine Ahnung…, lange her…

KIRSTEN

Als Kind. Irgendein Menuett in einer Blockflötenschule? Eine Musette für Klavier? Weiß nicht mehr…

THOMAS Gut. Und zuletzt? Wann hattet ihr zuletzt mit Bach zu tun?

KIRSTEN

Wie zuletzt? Ich bin Musikerin. Bach ist…, naja…, Bach halt.

JULIAN

Bach ist irgendwie immer da.

KIRSTEN

Der konnte zu viel. Hat so viel geschrieben, dass sein Werk überall und immer wieder auftaucht.

THOMAS

Seht ihr! Reger ging’s genauso. Bach am Anfang. Wie in der Fantasie.

JULIAN

Ah! Regers Beschäftigung mit Bach? Als Geschichte – und gleichzeitig als Programm durch seine Fantasie?

KIRSTEN

Aber…, wenn Bach für Reger “Anfang und Ende der Musik” ist, dann ist seine Beschäftigung mit Bachs Werk zugleich die Beschäftigung mit der Musik schlechthin?

THOMAS

So!…, damit habt ihr eure Geschichte. Also: Erster Teil: Bach zu Beginn. Wie ihr schon sagtet: In der Kindheit geht’s los. Wenn ihr die Musik weiter betreibt, kommt Bach mit immer ausgedehnteren und schwereren Stücken auf euch zu. Mir ging’s damals mit Bachs Orgelsachen so: Zuerst die d-moll-Toccata, bald hatte ich Noten von unerreichbar schweren Fugen. Ein Gebirge aus Musik.

Reger wird’s in seinen jungen Jahren kaum anders ergangen sein. Er entdeckt Bach für sich. Bald findet er mehr. Und noch mehr…

JULIAN

Stimmt…, überall das B-A-C-H-Motiv…

THOMAS

…und selbst die Zwischenläufe führen wieder hinein. B-A-C-H…, in der Oberstimme, im Bass, in den Mittelstimmen…

KIRSTEN

Naja…, die Fülle von Bachs Lebenswerk kann entmutigend sein. So viel…, in alle Richtungen…

THOMAS

Also? Was tun?

KIRSTEN

Erstmal sichten? Ws gibt’s überhaupt? Zwischendurch Pause machen.

JULIAN

Dann üben. Arbeit, Arbeit, Arbeit…

Das B-A-C-H-Motiv, transponiert… (obere Stimme)

…und das Motiv im Pedal (unterstes Notensystem)

THOMAS

Seht ihr! Genau das, schreibt Reger in Tönen. Erster Teil der Fantasie: Am Anfang B-A-C-H. Wieder und wieder. Dann ein Zusammenfallen des B-A-C-H-Motivs in’s Pianissimo. Meintest du das mit Pause machen, Kirsten? Schließlich ein neuer Aufbruch, mit einem zweiten Thema.

 

JULIAN

Das ist der zweite Teil des Stücks?

THOMAS

Definitiv.

KIRSTEN

Stimmt…, dieses Wackelmotiv hier hatten wir bislang nicht.

JULIAN

“Wackelmotiv”…, lustige Bezeichnung…

THOMAS

Solange du nur das Motiv selbst hörst, trifft Kirstens Bezeichnung. Im Rahmen unserer Geschichte würde ich es aber eher als “Steigerungsmotiv” – oder “Entwicklungsmotiv” bezeichnen: Nach dem ersten Sichten des Bach’schen Reiches und der Erholungspause beginnt jetzt im zweiten Teil das, was Reger als “stramme, feste Arbeit” bezeichnet hätte. In Töne übertragen: Reger ändert den melodischen Verlauf des neuen Motivs. Aber die 32-stel Werte bleiben. Die treiben, wie ein Motor, das B-A-C-H-Motiv vor sich her.

Reger, op. 46, dritte Seite. Der zweite große Teil der Fantasie mit seinem „Entwicklungsmotiv“ beginnt in Takt 12 nach der Akkordreihung: In der Mittelstimme wieder das B-A-C-H-Motiv

JULIAN

Und die Geschichte?

KIRSTEN

Naja…, Reger taucht ab in Bachs Welt. Er lernt, forscht, eignet sich Dinge an. Er steigert sich hinein.

 

THOMAS

Steigern, ja. Das scheint in der Fantasie ein Schlüsselmotiv zu sein. Hört mal, hier…, und hier…, ich hab‘ Euch Pfeile eingetragen, die den Linien folgen. Reger türmt das B-A-C-H-Motiv in immer höhere Tonlagen.

KIRSTEN

…bis alles in Akkordwänden kulminiert und… zusammenfällt.

THOMAS

Ja. Und trotzdem reicht die Energie, um über eine Trillerkette einen weiteren Steigerungsversuch zu zünden.

JULIAN

Aber…, dieser Versuch bricht letztlich ab? Oder?

KIRSTEN

Ja. Eine Seite weiter gibt’s keinen 32-stel-“Motor” mehr. Relativ große Notenwerte. Dreifaches piano. Wieder ein Zusammenbruch?

 

Steigerungen: Reger türmt das B-A-C-H-Motiv sequenziell wieder und wieder auf. Im Podcast sind die Passagen eingespielt, hier folgen die blauen Pfeile den Notenlinien.

THOMAS

Dritter Teil unserer Geschichte. Zusammenbruch und Niederlage.

JULIAN

Hm. Hört sich an wie das Drehbuch zu einem Heldenfilm. Die Heldin trifft auf ihre Aufgabe. Superman trifft auf Lex Luthor, was auch immer.

KIRSTEN

Erster Teil…

JULIAN

Er nimmt den Kampf auf…

KIRSTEN

…zweiter Teil…

JULIAN

…und verliert.

THOMAS

…dritter Teil. Genau. Aber kein Film endet dort. Nach dem ersten Zusammenbruch erreicht die Handlung einen Wendepunkt. Die Helden erstarken, beginnen den Kampf neu…

KIRSTEN

…vierter Teil…

THOMAS

…ganz Recht. Um schließlich, im letzten Teil, über alle Aufgaben und Prüfungen zu triumphieren: Die Blaupause des Heldenepos, seit der Antike, bis heute. Bei Reger beginnt der wiederholte “Kampf” erneut mit dem Steigerungsmotiv.

THOMAS

Wie eben wird das B-A-C-H-Motiv durch die Lagen und Tonarten getrieben. Es wird im Tempo verändert, übereinander gestapelt, immer vorangestoßen von dem 32-stel-”Motor”, immer weiter…

 

JULIAN

Bis?…

THOMAS

Bis es schließlich in zehnstimmigen Akkorden in den Raum “gestanzt” wird. Das sieht dann so aus wie im nebenstehenden Bild…

KIRSTEN

Und vorher die Stelle? Da unten, im Pedal…, die langen Noten…, ist das das B-A-C-H-Motiv im umgekehrten Intervallen?

Bild oben: Das (transponierte!…) B-A-C-H-Motiv im Pedal – in den Raum „gestanzt“.

THOMAS

Motivumkehrungen nutzt Reger als Mittel der Steigerung, ja. Hier ist es der Krebs…, also das Motiv rückwärts gelesen. Aber satztechnische Details würde ich gerne außen vor lassen.

Jedenfalls…

Bild unten: Für Fortgeschrittene…, Kirsten hat schon Recht. Das (ebenfalls transponierte!…) B-A-C-H-Motiv als Krebs im Pedal., hier eingekringelt. 🙂

JULIAN

…jedenfalls mündet das Stück in einer… Apotheose?…, einer Art Verherrlichung der Töne B-A-C-H im fünften und letzten Teil. Und unten. Ganz am Schluss der Fantasie, steht die Bemerkung “attacca la fuga”.

KIRSTEN

Genau! Tadaa! Der Angriff auf die Fuge! Als ob Reger sich “seinen” Bach jetzt soweit erarbeitet hat, dass er sich nun an die Fuge machen kann…

THOMAS

Immerhin gibt es kaum eine Form in der Musik, die mehr mit Bach in Verbindung gebracht wird, als eben die Fuge. In der Tat folgt der Fantasie op. 46 eine groß angelegte Doppelfuge, eine Fuge also über zwei Themen. Aber die besprechen wir ein anderes Mal?!…

KIRSTEN

Spielst du uns die Fantasie vor?

THOMAS

Große Teile des Stücks habe ich Euch im Podcast vorgespielt. Den Schluss noch, sonst wird die Folge zu lang. Und auch die letzten beiden Seiten spiel‘ ich kammermusikalisch, ok?

JULIAN

Heißt?

THOMAS

Nun, am Beginn unserer Sendung hatte ich die Orgel der Kreuzkirche voll aufregistriert. Zum Kennenlernen und Hineinhören in Regers Tonsprache ist ein donnerndes Orgel-Plenum aber nicht immer hilfreich. Für diese Dreistromgeschichte hab‘ ich Euch die Fantasie daher in mäßiger Lautstärke eingespielt.

Vielleicht könnt Ihr beim nächsten Konzert oder der nächsten Aufnahme die Bilder übertragen und mehr mitnehmen als den Eindruck eines kompliziert anzuhörenden Orgelgewitters.

Es würde mich freuen!…

JULIAN

Also: Max Regers Fantasie, op. 46 über seine Reise durch die Welt von B-A-C-H. Für die, die es graphisch mögen: Unten der VErsuch einer Illustration. Die Akkordtürme, die Entwicklung, der Zusammenbruch, neue Entwicklung, abschließende Akkordtürme und Apotheose.

Bild oben: Graphischer Versuch, den Gesamtbau der Reger’schen Fantasie op. 46 darzustellen.

Die Türme seien Stellvertreter für die „Akkordtürme“ der Rahmenteile. Die Brückenfragmente symbolisieren die Entwicklungspassagen, der schattenhafte Turm in der Mitte steht für den völligen Stillstand der Musik, bevor Reger die Entwicklung erneut aufnimmt.

KIRSTEN

Oder, wer’s anders lieber mag: Eine Heldenreise in fünf Teilen. Viel Freude!

Verwendete Musik in der Podcast-Episode

Max Reger (1873-1916): Fantasie über „B-A-C-H“, op. 46 für Orgel. Die Beispiele für diese Episode hab‘ ich an der Schukeorgel der Kreuzkirche/Wesseling eingespielt.

Bildquellen

Bilder mit freundlicher Genehmigung des Max-Reger-Instituts, Karlsruhe.

Danke! smile

Notenausschnitte

Die Noten sind frei erhältlich bei IMSLP