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Skript zum Podcast Dreistromgeschichten - Folge 7

Zusammenfassung:

Ein Puzzle aus Bach und moderner Kosmologie. Willkommen bei der bislang längsten und wahrscheinlich komplexesten Dreistromgeschichte. Diesmal ist sie auf drei Folgen verteilt…

Gottes Lichtbefehl: Dort sind wir in der letzten Folge angelangt.

Mit dieser siebten Episode beenden wir unsere Zeitreise. Ein Sprung zum Beginn des Universums katapultiert uns 13,7 Milliarden Jahre zurück, in die Strahlungshölle der allerersten Beginns von allem. Wir hören, was die Naturwissenschaftler über die Entstehung von Materie und Licht berichten.

Parallel beschäftigen wir uns mit einer reifen Choralbearbeitung Johann Sebastian Bachs für die Orgel über Martin Luthers „Wir glauben all‘ an einen Gott“. Das Stück trägt die Nummer 680 im Bachwerkeverzeichnis (BWV). Luthers Lied ist eine Nachdichtung des „Credo“, des christlichen Glaubensbekenntnisses also, entsprechend geht es auch hier um den „Schöpfer des Himmels“ – und damit implizit um die Schöpfung.

Nun schreibt der späte Bach keine „leeren Töne“. Jede Note ist an die Glasperlenspiele der musikalischen Formen gebunden, oft aber auch von Inhalten motiviert. Ist das in BWV 680 auch der Fall? Wenn ja – was erzählt Bach über die Schöpfung? Über Gott? Oder, in seiner Christusfrömmigkeit, über Christus?

Was sagen die Kosmologen? Gibt es Parallelen? Unterschiede? In einer Art „mentalen Puzzles“ stellen wir beides nebeneinander. Wir lernen einen zentralen Aspekt der modernen Kosmologie kennen und bekommen Einblicke in das musikalisch-formale Denken eines der größten Musiker der Welt.

Teil 6 unserer Zeitreise zurück – diesmal zurück zum Anfang von wirklich allem.

Erweiterte Inhalte im September

Die Noten im September passen zum Gottes- und Schöpfungsgedanken dieser und der letzten Folge, auch von der Größe.

„Aspekte Gottes“ – Choralfantasie über Philipp Nicolais „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ für Blechbläserchor (2 Tr., Hrn, Pos. Tb.), Klavier, Orgel, Pauken, Tamtam, Kinderchor (alternativ Sopran-Solo), 3-stg. Chor (S.A.B.) und Gemeinde. Satz: Thomas Jung. Spieldauer: Ca. 8 Minuten.

Das Stück ist gehaltvoll genug, dass sich ein eigener Blogbeitrag lohnt. Außerdem gibt es ein Video mit Probenhinweisen aus der Praxis und Klangeindrücken von unserer Aufführung in der Kreuzkirche vom 1. Advent 2016.

Die Partitur steht diesmal nur unvollständig und mit teilweise gelöschten Stimmen im Mitgliederbereich Online (Login erforderlich). Dort findet Ihr auch den vollständigen Mitschnitt unserer Kreuzkirchen-Aufnahme.

Die vollständigen Aufführungsmaterialien sind erhältlich bei Kistner und Siegel in 50321 Brühl.

Vorverlegung:

Die nächste Dreistromgeschichte erscheint bereits am 2. Oktober!

Ein Puzzle aus Bach und moderner Kosmologie. 1 von 3 (Letzter Teil der Zeitreise)

von Thomas Jung | Dreistromgeschichten

Ein Puzzle aus Bach und moderner Kosmologie. 2 von 3 (Letzter Teil der Zeitreise)

von Thomas Jung | Dreistromgeschichten

Ein Puzzle aus Bach und moderner Kosmologie. 3 von 3 (Letzter Teil der Zeitreise)

von Thomas Jung | Dreistromgeschichten

PROLOG

„Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen?“* Wir sind im Anfang. Hier im Anfang von Thomas Manns großer Joseph-Tetralogie. Die ersten Worte der „Höllenfahrt“, des Vorspiels, des ersten Kapitels des Mann’schen Romankomplexes.

* Wörtliches Zitat, Thomas Mann: „Joseph“, Beginn

Zur Bildcollage

Links oben: Richard Wagner (1813-1883), Komponist und Erneuerer der Oper

Links unten: Thomas Mann (1875-1955), Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger

Mitte: Vera Rubin (1928-2016), amerikanische Astronomin, Nach dem Postulat Fritz Zwickys in den 1930-ern Entdeckerin der „Dark Matter“, der „Dunklen Materie“. Mrs. Rubin hat im Laufe ihres Forscherlebens, soweit ich weiß, alles Wesentliche zusammengetragen, was wir heute über die Dunkle Materie sagen oder wissen können. Ihr Lebenswerk ist Basis der Akkustischen Baryonischen Oszillation – und damit die Basis dieses Blogbeitrags.

Rechts oben: Georges Lemaître (1894-1966), belgischer Geistlicher, Astronom und Astrophysiker. Begründer der Urknalltheorie.

rechts unten: Johann Sebastian Bach (1685-1750), deutscher Komponist, Kirchenmusiker. Einer der einflussreichsten Musiker aller Zeiten.

 Bildquelle: Wikipedia, Collage: Thomas Jung

ERSTER TEIL

Im Anfang. Der Urgrund. Richard Wagners Urklang. Die andere große Tetralogie, der Ring des Nibelungen. Ihr hört das Vorspiel. Aus der Tiefe des Orchestergrabens vier Minuten Es-Dur. Das „OM“, der Sound, aus dem eine ganze Welt entsteht. Die Welt der Götter, der Menschen, der Verträge, die Welt der Schuld, der Verstrickungen, die Welt der Macht, der Machtlosigkeit.

Was ist Kirchenmusik? Aus dieser einfachen Frage ist eine Reihe mehrerer Episoden geworden. Jetzt stehen wir am Anfang der Welt. Was war im Anfang? Das extrem instabile „Atom primitive“ und dessen explosionsartiger Zerfall im Urknall.

Diese Grundideen kann die moderne Kosmologie begründen, seit sie von dem belgischen Theologen und Astrophysiker Georges Lemâitre 1931 erstmals öffentlich formuliert worden sind.

Im Anfang. Der Urgrund. Gott. In der letzten Folge sind wir der Hebräischen Sprache in ihre Wurzeln gefolgt. Wir haben in den Verben „dabar“ und „amar“ Spuren eines Gottes der sprachlichen, der akkustischen Aspekte gefunden. Eine Gotteseinheit, die den Kosmos singend offenbart – und, im jüdischen Denken, viel später als der Gott der Geschichte sein Volk begleiten wird. 

Im Anfang. Das Tohuwabohu, das Chaos, über dem der Geist der Schöpfergottheit schwebt. „Wir glauben all‘ an einen Gott, Schöpfer Himmels und der Erden“, singt Martin Luther 1524, um sofort weiter zu dichten: „der sich zum Vater geben hat, dass wir seine Kinder werden.“

Was erwartet Euch in den nächsten 45 Minuten? Ein kurzer Fahrplan.

Also: Herzlich Willkommen in dieser Dreistromgeschichte. 

Ihr ahnt es vielleicht hier schon? In dieser Folge steht uns ein etwas steilerer Anstieg bevor. Das Ganze ist ein Puzzle – ein Puzzle aus Bach und moderner Kosmologie. Unser fertiges Bild wird eine Collage sein, die Zusammenschau eines Konzeptes der modernen Kosmologie einerseits und dem Design einer späten Choralbearbeitung Johann Sebastian Bachs andererseits. Konkret soll es um Bachs Bearbeitung „Wir glauben all‘ an einen Gott“, BWV 680, gehen.

 

„Dritter Theil der Clavier Übung“ von Johann Sebastian Bach. Titelblatt des Erstdrucks von 1739. Die Sammlung enthält auch die Bearbeitung „Wir glauben all‘ an einen Gott“, um die es in diesem Beitrag detaillierter geht.

Das Stück habe ich Euch für diese Episode eingespielt und als YouTube-Video produziert. Unter diesem Beitrag ist es eingebettet.

Im diesem ersten Teil der Episode klären wir die Vokabeln. Wir benötigen ein paar Fachbegriffe aus der Musik und aus der Physik. Wir schauen uns ein paar Hintergründe an und legen den Rahmen für unser Puzzle.

Im zweiten Teil nutzen wir unser neu erworbenes Vokabular, um daraus unsere Puzzlesteine zu bauen. In wechselnden Perspektiven untersuchen wir zum einen die Konzeption hinter der Bachschen Choralbearbeitung und zum anderen die hinter einer astrophysikalischen Vorstellung des allerfrühesten Kosmos. Der kleine Fjodor, der sich mit seinen Kinderweisheiten immer wieder mal in den Podcast verirrt, wird uns helfen, zwischen den sehr unterschiedlichen Perspektiven mental „umzuschalten“.

Im dritten Teil schließlich bauen wir aus unseren Puzzlesteinen das Gesamtbild. Wir setzen Bachs musikalischen Bauplan in Bezug zum Bauplan des frühen Universum, so wie ihn die Computersimulationen der Kosmologen nahelegen.

Am Ende unseres Aufstiegs, auf unserem mentalen Plateau, werden wir gelernt haben, wie Komologen und Quantenphysiker erklären, warum es uns überhaupt gibt. Wir werden verstehen, auf welcher Basis unsere Computersimulationen die Strukturen des frühen Universums erklären und wie sie zu dem passen, was wir tatsächlich beobachten.

Parallel werden wir uns auf ungewohnten Wegen dem Denken des späten Bach genähert haben. Wir werden fragen, wie Bach in seiner Sprache, der Sprache der Musik, mit dem theologischen Anfang der Welt umgeht und finden, dass er auf völlig anderem Weg vergleichbare Strukturen niederschreibt wie die, die die moderne Physik für den Beginn des Kosmos vorschlägt.

Anfang aus einem einzelnen Ton

Im Anfang also. Wie bei Wagner, so auch im Christentum: Gott verbindet sich mit seiner Schöpfung. In der Musik gilt die Oktave zuweilen als Symbol für das Ganze. Sieben Töne der Skala sind unterschiedlich, der achte gleicht dem ersten – auf einer höheren Stufe. Die Frau singt eine gegebene Melodie eine Oktav höher als der Mann – und dennoch nehmen wir die beiden Stimmen als eine einzige wahr. 

Physikalisch entsteht die Oktav, indem wir die Schwingung eines Tons, seine Frequenz, verdoppeln. Der Kammerton A mit seinen 440 Hertz wird, auf 880 Hertz verdoppelt, zu seinem höheren Zwilling. Im Anfang durchschreitet Gott das Ganze. 

Bachs 6-taktiges Ostinato

Bei Wagner aus dem tiefen Ur-Ton heraus, immer weitere Oktaven, immer weitere Instrumente wachsen hervor, im strahlenden Es-Dur. Bei Bach: Nüchterner. Ein tiefes d zunächst, aus dem heraus eine melodische Linie zum hohen d, zur Oktave emporwächst, dabei alle anderen Töne der Moll-Tonleiter einbezieht. Aus dem Griechischen kommt das Wort „Diapason“. „Dia“…, es bedeutet „hindurch“. Das Dia…, bei uns ist es   immer das Bild, durch das das Licht hindurchtreten muss, um erkennbar zu werden. In der Musik ist das Diapason das durch das alle Töne Hindurch-Schreitende.

Dann, und Bach setzt fort: Der Abstieg. Aus der Höhe geht es stufenweise zurück, in die Tiefe. Gott verlässt die Höhe wieder, erniedrigt sich selbst. Ein sechs-taktiges Symbol in Tönen: Drei aufsteigende Takte: Der Schöpfergott, der durch seinen Kosmos schreitet. Drei absteigende Takte: Der Gott, der als Mensch hinabsteigt.

Ist diese christliche Lesart zulässig? Töne ohne Worte…, sie können alles bedeuten?

Nun…, wir HABEN Worte. Es sind dieselben Worte Luthers, die wir bereits kennen. „Wir glauben all‘ an einen Gott, Schöpfer Himmels und der Erden.“ Es ist einer der Katechismus-Choräle, also der kirchlichen Lehr-Choräle, die der Reformator aus einer lateinischen Vorlage nachgedichtet hat. Bach hat einige von ihnen in dem sogenannten „Dritten Theil der Clavierübung“ bearbeitet. Hinter diesem „Dritten Theil“ verbirgt sich wieder eine eigene Welt. Darüber mache ich gelegentlich ein oder zwei eigene Folgen. Hier geht es ausschließlich um die Choralbearbeitung über “ Wir glauben all‘ an einen Gott“. Im Bachwerke-Verzeichnis Wolfgang Schmieders ist das Stück unter der Nummer 680 gelistet.

Martin Luther: „Wir glauben all‘ an einen Gott“ in Johann Walters Geistlichem Gesangbüchlein (1524)

Diese aufsteigende und wieder in die Tiefe sinkende Linie ist innerhalb der Bachschen Bearbeitung ein zentrales Element. Es kehrt sechs Mal wieder, in verschiedenen Moll und Dur-Tonarten, ansonsten aber unverändert. Musiker nennen das „Ostinato“. Ostinat…,also…,    hartnäckig. Wiederkehrend, sich wiederholend. Das können Rhythmen sein. Oder aber, wie hier, ein ostinates Motiv. Arbeitshypothetisch können wir es im vorliegenden Zusammenhang Gott zuordnen. Ein ostinates Gottes-Motiv.

Perspektivwechsel – Astronomie

Wir gehen in die Astrophysik des frühen Kosmos. Es geht um die „Baryonische akkustische Oszillation“. Diese was? Ok – noch einmal. Es geht um die „Baryonische akkustische Oszillation“. Die hatte damals, in den ersten 380.000 Jahren nach dem Urknall, für die Verteilung der Materie gesorgt.

Damals. Ja, ja. Die gute alte Zeit. Vor etwa 13,7 Milliarden Jahren. Wir sollten unsere Maßstäbe kurz neu skalieren… cool

Gut…, zuerst eine Übersetzung: „Baryos“, einmal mehr griechisch. Es bedeutet „schwer“. In der subatomaren Physik sind mit den Baryonen die schweren Materieteilchen gemeint, also Protonen und Neutronen. Es gibt noch ein paar andere, die allerdings instabil sind. Der Einfachheit halber: Baryonen sind die Dinger, aus denen wir und alles, was wir anpacken könne, gemacht sind.

Wie…., was an einem Proton schwer sein soll? Naja…, Ihr dürft’s nicht mit Euch vergleichen. Aber gegen die Leptonen (gr. leptos = „leicht“), bspw. ein, sagen wir, Elektron hat so’n Proton durchaus Format…

Oszillationen…, das sind Schwingungen. Und Akkustik…, genau…, die Lehre vom Schall und seiner Ausbreitung. Was aber hat Akkustik mit einem Prozess am Beginn des Universums zu tun? Im engen Sinn nichts! Bereits hier der Hinweis: Um hörbaren Schall wird es im Folgenden in der Tat nicht gehen!

Also…, bereit? Wir beginnen etwa 10^-32 (zehn hoch minus 32) Sekunden nach dem Urknall. Das ist eine Null, dann ein Komma, dann 31 weitere Nullen und die eins. Ich weiß, ich weiß…, aber das mit den Maßstäben erwähnte ich schon… 

Zu diesem Zeitpunkt endet die sogenannte „Kosmische Inflation“: Astronomen verstehen darunter einen Moment der überproportionalen, explosiven Ausdehnung des gesamten, frühesten Universums.

So absurd es klingt: Astrophysiker können sich um weitere Zehnerpotenzen näher an den Urknall heran rechnen. Um unsere Baryonischen Oszillation nachzuvollziehen, brauchen wir aber lediglich eine Umgebung aus hochenergetischer Strahlung. Deren Herkunft zu erklären, führt an dieser Stelle zu weit. Hier mag die Information ausreichen, dass eine solche Strahlungsumgebung ab ca. 10^-32 Sekunden nach dem Urknall vorliegt.

Netzangebote für Neugierige…

Für die von Euch, die solche Dinge genauso faszinieren wie mich, verlinke ich Euch den Astro-Blog von Florian Freistätter. Der ist Astrophysiker und erklärt die Sachen superverständlich. Oder schaut Euch auf Youtube bei Josef Gassner und Harald Lesch und deren Videoblog „Sterne, Urknall und das Leben“ um…

Perspektivwechsel – Musik

Das Gottes-Ostinato. Aber was hat es mit Luthers Choral zu tun – um den es Bach doch offensichtlich geht?

Erstmal – nichts. Nun…, ist Musik aber „multitasking-fähig“. In der Musik können mehrere Dinge zugleich passieren. Und in der Tat passiert zunächst etwas anderes. Bach beginnt mit Luthers Choralbeginn:

Wir glauben all' an einen Gott

von Johann Sebastian Bach / Martin Luther | (Die beiden Anfänge hintereinander)

„Wir glauben“. Das tun wir, scheint Bach zu erzählen, nicht souverän. Wir „plumpsen“ in den Glauben hinein, wenn Bach den Beginn von Luthers Glaubenschoral auf unbetonter Zählzeit beginnt und das Motiv mit mehreren Synkopen fortführt. Synkopen…, das sind rhythmische Verschiebungen. Bach differenziert. Wir glauben zwar an den einen Gott, tun das aber stolpernd, immer wieder über die Synkopen fallend. Der, an den wir glauben, der hingegen ist immer gleich. Egal, was auch immer im Gewusel unseres Lebens geschieht, das Fundament, das Gottes-Ostinato steht immer gleich. Insgesamt sechs Mal erklingt es in den tiefen Pedalregistern.

Die Doppelbödigkeit großer Kirchenmusik. „Wir glauben all‘ an einen Gott.“ Aus einer einzelnen Stimme entwickelt sich alles. Der Einzelne glaubt. Der Grundton, die Quinte, hin zum Dreiklang, alles abgeleitet aus Luthers Choralvorlage. Sehr schnell die zweite Stimme. Eine Fuge? Über Fugen mache ich später eigene Folgen…, hier nur die Info: Nein, es ist keine Fuge? Viel zu früh bricht der Bass mit dem Gottes-Ostinato herein.

Innerhalb einer Fuge hätte dieses Ostinato nichts verloren. Hier erweitert es die Form um…, ja – um was? Bereits im dritten Takt sprengt Bach seine musikalische Architektur. Sein Noten-Universum wächst aus dem Nichts. Ein knapper Beginn aus zwei sich imitierenden Stimmen, die harmonisch plötzlich an dieses merkwürdig deplatzierte Ostinatomotiv gebunden sind. Was will Bach? Seine Form expandiert in…, nun…, in etwas, was auch ein Kenner des Bachschen Werkes an dieser Stelle nicht vorhersagen könnte.

Erstes Fazit

Wir haben jetzt die Bausteine für den zweiten Teil unseres Podcasts beisammen. Zu unserer begrifflichen Werkzeugkiste gehören Diapason und Oktav und deren Symbolik, außerdem das „Ostinato“ und Luthers Katechismus-Choral „Wir glauben all an einen Gott“.

Zu unserer physikalischen Werkzeugkiste gehören die „schweren Teilchen“, also die Baryonen, die kosmische Inflation vor etwa 13,7 Milliarden Jahren, sowie ein sich rasant ausdehnendes Universum aus hochenergetischer, superheißer Strahlung, in der nach Einsteins Äquaivalenzprinzip aus der Speziellen Relativitätstheorie Materieteilchen aus Energie entstehen, die ihrerseits sofort wieder in Energie zerstrahlen.

Fehlen tut uns noch die rätselhafte „Dark Matter“, die „Dunkle Materie“. Der Schweizer Physiker Fritz Zwicky hatte bereits in den 1930-er Jahren auf deren mögliche Existenz hingewiesen. Vermutlich war er seiner Zeit zu weit voraus. Seine Vorschläge wurden zunächst vergessen. Die amerikanische Astronomin Vera Rubin fand, eine Generation nach Zwicky, ebenfalls Hinweise auf eine massive Gravitationsquelle jenseits der sichtbaren, baryonischen Materie. Fortan widmete sie ihr Arbeitsleben der Erforschung jener mysteriösen Materieform.

Mittlerweile gehen wir davon aus, dass es uns und unser Universum, so, wie wir es beobachten, ohne diese Dunkle Materie nicht geben würde. Mehr dazu gibt es gleich im zweiten Teil.

Wir haben demnach zwei Perspektiven:

Einerseits versuchen wir, Bach über die Schulter zu schauen, wenn er seine Choralbearbeitung entwirft. Anderseits schauen wir der Quantenmechanik und den Grundkräften der Physik zu, wie diese die Struktur des frühesten Universums entwerfen.

Hier wie dort geht es um die Schöpfung.

Hier wie dort geht es um etwas, dem wir uns mit akkustischen Gesetzen annähern können: Eine Idee, die im Zusammenhang mit einem Musikstück deutlich weniger überraschend scheint als im Kontext der Quantenmechanik im frühen Weltall.

Aber erstmal eine Pause. Falls diese Pause länger dauern sollte, wie immer der Gruß: Bleibt gesund und genießt das Leben.

ZWEITER TEIL

Wir haben also einen expandierenden Kosmos, in den 10^-32 Sekunden nach dem Urknall bereits unser Sonnensystem bis hinter die Neptunbahn hineinpassen würde. Dieser Kosmos ist angefüllt von superheißer, hochenergetischer Strahlung.

In dieses Strahlungskontinuum bildete sich die baryonische Materie (letztlich die stabilen Protonen. Keine Atome. Dafür war viel zu heiß!…). Woher kommt die Materie? Aus Einsteins Äquivalenzprinzip: Energie und Materie wandeln sich ineinander um. Die Strahlungsenergie war derart enorm, dass sich die Energie in dauerndem Wechsel in Materieteilchen umwandelte. Die wiederum zerstrhlten unter dem Beschuss hochenergetischer Photonen und anderer subatomarer Teilchen sofort wieder in Energie.

Neben den baryonischen Standardteilchen, aus denen später die Atome werden, entstand auch die Dunkle Materie. Im ersten Teil hatten wir sie kurz erwähnt: Die dunkle Materie wechselwirkt nicht mit elektromagnetischer Strahlung – also auch nicht mit Licht. So bleibt sie unsichtbar, daher ihr Name.

Woher wissen wir dennoch von ihr? Weil sie auf die Schwerkraft reagiert. Wir können die gravitativen Auswirkungen dieser Materieform messen, zum Beispiel anhand der Raotionsgeschwindigkeit von Galaxien. Deswegen gehen wir spätestens seit den 1970-er Jahren von der Existenz der Dunklen Materie aus, ohne diese bislang direkt nachweisen oder gar verstehen zu können.

Gut…, weiter. Dieses Zeugs, also die Mischung aus Baryonen und Dunkler Materie, war nach der inflationären Ausdehnung des heißen Universums nicht ganz gleichmäßig verteilt. Es gab Inseln mit mehr Materie, in denen die Gravitation aufgrund der höheren Masse etwas stärker wirkte. Der Grund ist einfach: Masse zieht Masse an.

Perspektivwechsel – Musik

Das Ostinato im Bass-Pedal zieht die Oberstimmen an sich. Was auch immer die Oberstimmen veranstalten, wenn sie alleine, unter sich sind: Sowie das Ostinato erklingt, sind sie an dessen harmonisches Gravitationszentrum gebunden.

Erstdruck von BWV 680 (Ausschnitt)

Perspektivwechsel – Astronomie

Baryonen reagieren aber nicht nur auf die Gravitation. Protonen, die dichter gepackt werden, werden schneller, stoßen aneinander, erzeugen erhöhte Temperatur. Denn: Temperatur ist letztlich nichts anderes als eine Form der Bewegungsenergie.

Mit zunehmender Temperatur erhöht sich der Strahlungsdruck. Der wird irgendwann stärker als die Gravitation. Die Strahlung treibt die baryonische Materie – und nur die Baryonen – vor sich her. Die Dunkle Materie nicht. Die Dunkle Materie wechselwirkt nicht mit den Photonen. Sie reagiert nicht auf die ultraharte Strahlung im frühesten Universum. Sie bewegt sich, aufgrund der Schwerkraft, langsam in Richtung der größten Masse-Ansammlung. Sonst tut sie nichts.

Perspektivwechsel – Musik

Die Oberstimmen stoßen sich gegenseitig ab, vereinigen sich. Früh schon, nach dem ersten auftreten des Ostinato, kommt eine dritte Stimme hinzu. Sie folgt wieder den Regeln der Fuge. Also doch eine Fuge? Eine mit Unterbrechungen? Durch das Gottes-Ostinato?

Andererseits schreibt Bach seine Fugen normalerweise nicht so dicht wie hier. Damit meine ich, dass es normalerweise immer Bereiche gibt, in denen nur zwei, seltener auch nur eine einzige Stimme erklingt. Hier, in unserem Stück, sind alle drei Oberstimmen dauer-präsent: Nachdem sie mit Takt 14 eingeführt sind, gibt es nur noch einen einzigen zweistimmigen Takt, kurz vor den letzten Pedal-Ostinato.

Perspektivwechsel – Astronomie

Nur die Baryonen also werden von der Strahlung verteilt. Der Raum zwischen ihnen wird größer, Temperatur und Strahlungsdruck sinken. Irgendwann übernimmt die Gravitation wieder das Zepter. Sie beginnt erneut damit, Baryonen und dunkle Materie zusammenzupressen. Die Temperatur steigt…, nun…, und so weiter, das Ganze beginnt von neuem.

Perspektivwechsel – Musik

Irgendwann übernimmt das Ostinato wieder das harmonische Zepter. Die drei Oberstimmen und die Basslinie verschmelzen zu einer klanglischen Einheit. Sowie das Pedalostinato beendet ist, sind die Oberstimmen wieder frei, verteilen sich im harmonischen Raum – der übrigens immer größer wird. Die Abstände zwischen dem Auftreten des Gottes-Ostinato werden immer größer. Merkt Ihr, wie Bach mit seiner Form spielt.

Perspektivwechsel – Astronomie

Merkt Ihr, wie die Gravitation mit der Materie spielt, während der Kosmos immer größer wird, sich immer weiter ausdehnt? Aber…, was hat das alles mit Akkustik zu tun?

Nun, im Laufe der Zeit entsteht ein Schwingungsmuster. Bereiche verdichteter Baryonischer Materie wechseln mit anderen Bereichen, die vergleichsweise wenige Baryonen enthalten. Diese Schwingungen verhalten sich wie akkustische Wellen, sprich: Wie Schallwellen. Daher der Name: „Baryonische akkustische Oszillation“.

So!…, kurze Pause? Da wir so viel über BWV 680 nachdenken, spiel‘ ich Euch im Podcast zumindest die zweite Hälfte des Stücks einmal vor. Hier gibt’s alternativ eine (sehr!…) kurze Video-Etüde einer Visalisierung – unter Verwendung vorgefertigter Bausteine…

Gibt es uns, weil es die Dunkle Materie gibt?

Astrophysiker können „Baryonische akkustische Oszillationen“ im Computer simulieren. Diese Simulationen liefern Materie-Verteilungsmuster. Aus dieser Verteilung lässt sich ablesen, wie die frühen Galaxien im Raum verteilt sein sollten. Warum ist das Wichtig? Nun…, ohne die dunkle Materie und die „Baryonische akkustische Oszillation“ gäbe es uns nicht.

Wieso?

Ihr erinnert Euch: Bewegung ist gleich Temperatur. In den ersten 380.000 Jahren nach dem Urknall war die Bewegungsenergie der Teilchen so hoch, dass das Universum von einem hochenergetischen, gleissenden Energie-Materie-Plasma gefüllt war. Das bedeutet: Es gab keine Atome. Jeder Versuch einer Teilchenbindung wurde von deren eigener Energie, von kollidierenden Nachbarpartikeln, von ultraharter Strahlung im Gamma- und Röntgenspektrum, sofort wieder zertrümmert.

Dunkle Materie ist vollkommen immun gegen elektromagnetische Strahlung

Da die dunkle Materie aber eben nicht auf die Strahlung reagiert, sondern nur auf Schwerkraft, klumpt sie sich unter dem Einfluss der Gravitation zusammen. Sie bildet auch in dieser Strahlungshölle Massezentren aus .

Erst nach diesen 380.000 Jahren war der Kosmos kühl genug, dass sich Materie und Strahlung trennten. Rekombination nennen die Physiker diese Epoche. Erst jetzt entstehen die Atome. Die freien Elektronen verbanden sich mit den Protonen zu Wasserstoff – und gaben damit den Photonen den Weg frei. Diese Photonen konnten sich ungestört bewegen, ohne ständig mit irgendwelchen anderen Teilchen zusammenzust oßen: Das Universum wurde durchsichtig. 

Wobei „kühl“ hier immer noch um die 3000 Grad Kelvin bedeuten. (In Celsius sind’s 273 Grad und ein paar Nachkommastellen weniger…)

Aber: Mit abnehmendem Strahlungsdruck wird auch für die baryonische Materie die Gravitation zur immer wesentlicheren Kraft. Noch einmal: Masse zieht Masse an. Also fließen Materieströme zu den Massezentren, die die dunkle Materie in den ersten 380.000 Jahren ausgebildet hat. Erst so kommt genügend Masse für Sterne, Galaxien und, etwa 9,2 Milliarden Jahre später, einen Zwergstern mit einem kleinen Planeten zusammen, den zweibeinige Lebenwesen noch weitere 4.567 Milliarden Jahre später einmal „Erde“ nennen werden…

Perspektivwechsel – Musik

Auch bei Bach eine Art des sich dehnenden Schwingungsmuster: Bereiche über dem ostinaten Pedalmotiv wecheln mit den immer länger werdenden Bereichen ohne Ostinato. Die Ostinati gliedern das Stück, ähnlich dem Schwingungsmuster der Baryonischen Akkustischen Oszillation. Warum?

Nun…, bevor wir das beantworten und alles zu einem Gesamtbild zusammenfügen, schlage ich eine Pause vor. Was denkt Ihr? Wenn Ihr mögt, hören wir uns im letzten Teil dieser langen Epsiode wieder. Bis dahin Adé, bleibt gesund und genießt das Leben!

Perspektivwechsel – Astronomie

Ohne den massiven Strahlungsdruck keine Baryonisch-Akkustischen Wellen. In den knapp 400.000 Jahren hatte sich der Kosmos immer weiter ausgedehnt. Mit den größeren Distanzen zwischen den Materiefeldern war die Gravitation nicht mehr stark genug, um die – nunmehr – atomare Materie wieder in die früheren Dichtebereiche zurück zu bewegen.

Wenn die Baryonische akkustische Oszillation tatsächlich stattgefunden hat, und wenn sie mit der Trennung von Materie und Strahlung zu Ende war, bedeutet dies in der Konsequenz, dass sich die ersten Galaxien nicht einfach „irgendwie“ und „irgendwo“ gebildet haben. Sie müssten bevorzugt in bestimmten Zonen zu finden sein: Nämlich genau in den Bereichen, in die die Oszillationswellen 380.000 Jahre lang all‘ das Zeug hingeschoben haben, aus dem Sterne und Galaxien überhaupt erst entstehen können.

DRITTER TEIL

Im ersten Teil unserer Folge hatten wir die nötigen Fachvokabeln und einige Hintergründe geklärt. Im zweiten Teil haben wir die Konzeptionen hinter diesen Vokabeln ausgebreitet. In diesem schließenden dritten Teil fügen wir unserer Legespiel paralleler Strukturen, unser Puzzle aus Bach und Kosmologie, zusammen.

Beginnen wir mit der Physik: Wenn die „Baryonische akkustische Oszillation“ tatsächlich stattgefunden hat, und wenn sie mit der Trennung von Materie und Strahlung zu Ende war, bedeutet dies in der Konsequenz, dass sich die ersten Galaxien nicht einfach „irgendwie“ und „irgendwo“ gebildet haben. Sie müssten bevorzugt in bestimmten Zonen zu finden sein: Nämlich genau in den Bereichen, in die die Oszillationswellen 380.000 Jahre lang all‘ das Zeug hingeschoben haben, aus dem Sterne und Galaxien überhaupt erst entstehen können. Da das Weltall aufgrund der Raumexpansion immer größer wird, werden auch die Abstände zwischen den Materiebereichen immer größer.

Perspektivwechsel – Musik

Wenn wir Bachs Werk als Schwingungsmuster hören, dürften die Ostinati nicht einfach „irgendwo“ auftreten. Sie müßten bevorzugt in bestimmten Zonen erscheinen. Stimmt das? Wir hatten bereits bemerkt, dass die Räume zwischen den Ostinati immer größer werden. Beliebig größer? Schauen wir nach. Wir könnten zählen, wie viele Takte das Pedal zwischen seinen Einsätzen jeweils pausiert. Der erste Einsatz folgt, das wissen wir bereits, sehr zu Beginn: Nach drei Volltakten erklingt das Pedal zum ersten Mal. Hier vorne ist die einzige Region, in der Bach nur nur zwei Oberstimmen schreibt.

Zwischen den folgenden drei Pedal-Ostinati liegen zunächst fünf, dann sechs, schließlich sieben Takte. Die drei Oberstimmen sind, ohne Pause, alle ununterbrochen aktiv und gegenwärtig.

Offensichtlich entsteht in einer Art, nun…, „Abstands-Gruppe“, die Reihe der natürlichen Zahlen 5, 6, 7. Danach endet ziemlich genau die erste Hälfte des Stücks.

 

Bild oben: BWV 680 im Erstdruck (erste Seite)

Zu Beginn, nach dem Auftakt, sind die drei leeren Takte im Pedal/linker Hand gut zu erkennen. Bach selbst notiert stets ein Ped. vor den Ostinatoeinsätzen. Die Pedal-Pausentakte zwischen den weiteren Ostinati habe ich in der Grafik durchnummeriert. (In den ersten beiden Zeilen sind die jeweils schließenden Takte geteilt, so dass sie sich über den Zeilenumbruch hinweg erstrecken.)

Auf der zweiten Seite könnten wir dann in gleicher Weise erst die 14, schließlich die 25 Leertakte im Pedal durchnummerieren, wie im Text erklärt. Das spare ich mir hier, ich denke, dass das Prinzip klar ist. Wer mag, kann es selbst tun.

Die Noten gibt’s gleich hier oder (und da hab‘ ich sie auch her) auf IMSLP.

Alternativ könnt Ihr sie unten im Video anschauen: Dort habe ich das gesamte Stück einmal eingespielt.

In der zweiten Hälfte werden die Abstände zwischen den Pedalostinati deutlich größer. Zum fünften Ostinato dauert es 14 Takte, zum letzten weitere 25 Takte, in denen das Pedal pausiert.

Hat Bach die Anzahl der leeren Pedaltakte ungefähr verdoppeln wollen? Es sieht so aus. 7 * 2 würden genau die 14 ostinatofreien Takte ergeben. 14 * 2 wären 28, also etwas mehr als die 25 pedalfreien Takte, die in den Noten stehen. Die wahrgenommene Proportion der Ostinatoverteilung stimmt dennoch.

Perspektivwechsel – Astronomie

Der Clou: Rechnungen und Beobachtungen stimmen ziemlich gut überein. Die frühen Galaxien finden sich in der Tat genau da, wo den Computersimulationen zufolge die Materie von der Akkustischen baryonischen Oszillation in den immer größer werdenden Raum hingeschoben worden ist. Diese Simuliationen liefern damit zugleich eines der stärksten Argumente für die reale Existenz der Dunklen Materie und deren Eigenschaften.

Denn: Würde die Dunkle Materie mit elektromagnetischer Strahlung auch nur minimal wechselwirken, dann wäre sie in der extrem harten Strahlung des frühen Universums zusammen mit den Baryonen im Raum verteilt worden. Die Lage der Materie im Raum wäre völlig verschieden gewesen von der, die die Computerberechnungen liefern. Wir finden und beobachten die frühen Galaxien aber in genau den Bereichen, die wir aufgrund der Simulationen erwarten. Oder anders formuliert: Sie sind dort, wo sie nach 380.000 Jahren der Akkustischen Baryonischen Oszillation sein sollten.

Der letzte Perspektivwechsel. Oder?…

Der Clou bei Bach: Zählung, Höreindruck und Zahlensymbolik stimmen ziemlich gut überein. Bach schreibt ein Pedal-Ostinato, das sich drei Takte aufwärts, drei weitere Takte abwärts bewegt. Insgesamt also sechs Takte.

Diese Linie taucht im Stück insgesamt sechs Mal auf. Nach dem ersten Erklingen ab Takt 3 stehen die drei folgenden Ostinati relativ dicht aufeinander, nämlich im Abstand von 5, 6 und 7 Takten.

 Die beiden letzten Ostinati gliedern den größer werdenden Raum nach dem ungefähren Prinzip der Abstandsverdoppelung. Der größer werdende Raum…, merkt Ihr, dass wir die Vokabeln gerade austauschen? 

Es beginnt aus einem Punkt, es wird inflationär größer, strukturiert sich, in ostinaten Materiegürteln. Sprechen wir vom frühen Kosmos? Oder von Bachs Choralbearbeitung? Brauchen wir keinen Perspektivwechsel mehr? Antwort: Hier, an diesem Punkt, ist es egal. Das eine beschreibt das andere, das andere das eine. Chiffriert Bachs Musik das Universum, das All-Eine? Oder chiffriert sie den einen Gott, den Luther besingt, den All-Einen? Würde Bach einen Unterschied machen, würden wir ihn fragen können?  Spiegelt sich die Struktur von Bachs Musik im Aufbau des Universums? Oder umgekehrt?

Zusammenfassung

War Bach ein quantenphysikalischer Visionär? Nein. Ganz sicher nicht! Lassen sich Musikstücke mit Mitteln der physikalischen Vorgänge und Proportionen beschreiben? Es ist unorthodox, aber, nun…, warum nicht?

Wir können die Musik theologisch lesen, haben es eben bereits getan. Hier eine Zusammenfassung aus allen drei Episodenteilen: Wir finden in der Choralbearbeitung eine Reihe von Hinweisen auf den (bei Bach christlich-trinitarischen) Gott:

Gott und….

Da ist der Aufbau des Ostinato mit seinen drei auf- und drei absteigenden Takten. Vielleicht ein Trinitäts- und Christussymbol, im ersten Teil hab‘ ich’s erklärt.

Zum anderen die Ostinato-Abstandsgruppen: Ein erstes Erklingen der Ostinato-Linie zu Beginn des Stücks, in Takt drei. Bis zur Hälfte des Stücks drei Ostinati mit jeweils 5, 6, 7 Takten Abstand. In der zweiten Hälfte der Choralbearbeitung schließlich zwei weitere Ostnati mit ungefähr verdoppeltem Abstand. Wir können, wenn wir wollen, drei Ostinato-Abstandsgruppen erkennen, mit 1 und 3 und 2 Mitgliedern. 1, 2, und 3…, drei Grundzahlen in drei Gruppen, die symbolisch seit Pythagoras ebenfalls auf das Ganze und auf die Schöpfung verweisen: Aus dem Ursprung, dem Einen, der Gegenpol, die Zwei. Aus beidem ein Neues, ein Drittes.

Dann haben wir die pausenlose Dreistimmigkeit in den Manualen. Die Drei ist allgegenwärtig. Oder die Dreieinigkeit? Ich hab’s erwähnt: Diese Dichte des Satzes fällt jedenfalls auf.

Schließlich die Zahl 100: Die Zahl der Fülle, der Vollkommenheit – und mehr. Bachs Stück ist exakt 100 Takte lang.

….Mensch….

Und die menschliche Seite? Allgegenwärtig eben auch das andauernde „Stolpern“ über die Synkopen in Bachs Manualthema: Wir, als Menschen, glauben all‘ an einen Gott…, kriegen das aber nie hin. Und dennoch bildet der unvergängliche, unveränderliche Gott das Fundament der gesamten Schöpfung…

Fazit

Joh. Seb. Bach (um 1746) auf dem Gemälde von Joh. Gottl. Haussmann. Das Notenblatt zeigt den „Canon triplex“ aus den „14 Fundamental-Canons“. Bildquelle: Wikipedia

Was heißt das jetzt alles? Hat Bach das so gewollt? Meine Antwort: Ich… weiß es nicht.

Bach HATTE einen Bezug zur Zahlensymbolik. Ja!

Bach HATTE in dieser chiffrierten Art gedacht. Ja!

Und dieses Denken passt zu Bachs reifem Schaffen – zum dem der „Dritte Theil der Clavierübung“ definitiv hinzuzählt. Also…, auch diese Choralbearbeitung.

Unbestreitbar ist, dass das Denken in Proportionen innerhalb des Bachschen Lebenswerkes zentral ist. Eine leicht zu verifizierende Tatsache ist auch, dass die Abstände zwischen den Ostinati in unserem Choralvorspiel stetig größer werden. Ein Bruch musikalischer Größenverhältnisse ist in Bachs reifen Jahren nie zufällig, im Sinne von unbewußt. Form ist bei Bach immer auch Inhalt!

Dennoch…, mit der Zahlensymbolik bewegen wir uns auf sehr dünnem Eis. Ist es sicher, dass das Stück 100 Takte lang sein sollte? Dass Bach es genau so entworfen hatte? Dass er sich an den Schreibtisch setzt mit dem Plan, eine Choralbearbeitung von exakt 100 Takten zu schreiben?

Es ist möglich. Aber nicht sicher. Es gibt Hinweise. Indizien. Aber die sind objektiv schwach. Was sein Lebenswerk angeht, da war Bach eben auch verschlossen wie die sprichwörtliche Auster. Es gibt, von ihm selbst, so gut wie keine konkreten Äußerungen zu seinem Schaffen. Bachs eigentliche Intentionen bleiben uns verborgen. Gewissheit über Bachs innere Motivationen gibt es beim derzeitigen Quellenstand keine.

Physik…

So…, und anders herum, die Physik? Was bedeutet sie? Heißt es, dass die Elohim ihr „Es werde Licht“ in Form einer baryonischen Oszillationswelle gesungen hätten?

Hey…, „DAS“ wär‘ mal ein Thema für ’ne Sonntagspredigt. Im nächsten Bild, da geb‘ ich Euch einen Witz mit. Wo ich den zum ersten Mal gesehen hab‘, verrat‘ ich nicht. Hab‘ ihn beim Recherchieren aber im Netz gefunden… Von mir ist er jedenfalls nicht. Leider!…. Erzählen kann ich ihn auch nicht gut, naja…, Ihr seht’s ja….

smile Die genaueste Übersetzung von 1. Mose 3, die ich kenne: Die Maxwell’schen Gleichungen. Prof. Josef Gassner hat die Zusammenhänge in seiner „Aristoteles-Reihe“ auf YouTube ebenfalls erklärt.

Also…, nein, nein…, keine singenden Elohim. Was mich fasziniert ist, dass wir Werkzeuge der Akkustik – damit auch solche der Musik, mit den Werkzeugen der Quanten- und Teilchenphysik verbinden können und plötzlich in der Lage sind, zum Beginn des Universums zurückzuschauen.

Oder mit einem Begriff Gustav Mahlers: Wir tun einen Blick in’s Urlicht des, aller-, allerersten Anfangs. Und das in einer Kirchenmusikgeschichte.

Ok…, einer erweiterten Kirchenmusikgeschichte. Trotzdem: Hättet Ihr am Anfang unserer Zeitreise gedacht, dass sie uns 13,7 Milliarden Jahre zurücktragen würde?

EPILOG

Warum läßt sich zuweilen musikalisches Denken hier auf naturwissenschaftliches Denken dort zu übertragen? Wir haben mit Literatur begonnen, lasst uns mit Literatur aufhören. Berthold Brecht hat die Frage in seinem „Leben des Gallilei“ beantwortet.

Der 7. Teil seines Schauspiels spielt im Hause des Kardinals Bellarmin in Rom. Gallilei trifft dort auf einen zweiten Kardinal, auf Barberini, den späteren Papst Urban VIII. Dieser provoziert den berühmten Physiker. Barberini zeichnet mit der Hand eine, wie Brecht es notiert, „äußerst verwickelte Bahn mit unregelmäßiger Geschwindigkeit“ in die Luft. Wenn es Gott, so fragt der Kirchenmann den Physiker, wenn es Gott gefallen hätte, die Gestirne in dieser irregulären Form laufen zu lassen, was würde dann aus Gallileis ganzer, allzu „bequemer“ Astronomie.

rechtes Bild: Berthold Brecht (1898 – 1956). Aufnahme von 1954. Quelle: Wikipedia

Gallileis antwortet prompt: „Eminenz“, so erwidert der Wissenschaftler, „Eminenz, hätte Gott die Welt so konstruiert“, – er wiederholt Barberinis Bahn -, „dann hätte er auch unsere Gehirne so konstruiert“ – er wiederholt dieselbe Bahn -, „so daß sie eben diese Bahnen als die einfachsten erkennen würden. Ich glaube an die Vernunft.“

Soweit Brecht.

Wieso also funktioniert es, das mit dem Übertragen? Weil unsere Gehirne nach den gleichen, grundlegenden Regeln und Mustern funktionieren, sofern wir sie den Gesetzen der Vernunft gemäß benutzen. Ändern tun sich die Ebenen. 

An dieser Stelle lasse ich Euch mit Euren Gedanken allein. Das war heute viel, oder?… Wer mag, kann weiter meditieren. In diesem Sinne: Bleibt gesund, habt eine gute Zeit und genießt das Leben! embarassed

Statt eines Nachwortes: Das gesamte Stück im Video

Damit die theoretischen Überlegungen rund um BWV 680 als klingende Musik leben können, hab‘ ich Euch hier zum Schluss das ganze Stück noch einmal eingespielt.

Die sechs Ostinati sind im Video markiert, die immer größer werdenden Abstände sind so, denke ich, leicht nachzuvollziehen. Generell könnt Ihr die Zusammenfassung oben aus dem Text an dem Video nachvollziehen oder überprüfen, wenn Ihr mögt. Oder Ihr lehnt Euch einfach zurück und chillt. 🙂

Verwendete Musik in der Podcast-Episode

 

Richard Wagner: Vorspiel aus dem „Rheingold“ (WWV 86a). Quelle: Creative Commons

Johann Sebastian Bach: „Wir glauben all‘ an einen Gott“, BWV 680. Eigene Aufnahme an der Schuke-Orgel der Kreuzkirche in Wesseling.

Alle „Audio-Schnippsel“ rund um BWV 680, sowie das Video: Selbst erstellt für diese Episode.

Martin Luther: „Wir glauben all‘ an einen Gott“, erste Strophe des Chorals. Eigene Collage.

Audio-Collagen erstellt unter Verwendung der Apple-Loops (im Lieferumfang von Logic X) und unter Verwendung von Audiomaterial der Stock Media Library

Bildquelle (wenn nicht anders angegeben): Stock Media Library