Beitragsbild: Albrecht Dürer: „Melencolia 1“. Kupferstich. Einer der drei Meisterstiche des Jahres 1514. Quelle: Wikipedia.

Etwas größer als sonst: Die Oktober-Noten

Diese Seite heißt „dreistimmig.com“. Warum, hab‘ ich ganz am Anfang mal erzählt. Andererseits: Die Noten dieses Monats haben mit dreistimmigen Sätzen nichts mehr zu tun. Eher sind es drei Chöre (Holzbläser-, Blechbläser- und Streicherchor).

Die Partitur ist nicht einmal fertig. Das Stück selbst immerhin ist es, es liegt als Particell vor. Nur mit Blick auf eine Gemeinde bin ich ratlos.

Kurz und gut: Das Adagio hat mir die Orgel „gesprengt“. So, wie’s jetzt vorliegt, ist es als Orgelstück schlicht nicht mehr ausführbar.

Die Eckdaten…

Die Spielzeit wird um eine Viertelstunde herum liegen. Es steht im fernen es-moll, und nicht nur deshalb ist der Schwierigkeitsgrad so hoch, dass sich das Stück einer normalen kirchenmusikalischen Gemeindearbeit entzieht.

Die Besetzung ist orchestral. Also…, mittlerweile ist sie‘s. Wie gerade angedeutet: Ursprünglich war es als reines Orgelstück gedacht. Für meine Mittwochskonzerte zum Beispiel – und das war auch die ursprüngliche Idee: Als größer gefasstes Orgelstück passt es gut zur Regerfantasie, um die es in der Episode dieses Oktobers geht.

Vom Scheitern und Neubeginnen

Hatte das Adagio vor ein paar Jahren mal begonnen. Damals ist es mir formal auseinander gefallen. Die frühe Version lag bei etwa 25 Minuten Spieldauer – ohne dass die Struktur über eine solche zeitliche Strecke hinüber getragen hätte. Bei der Arbeit am Reger-Hörspiel ist mir das Stück wieder eingefallen. Hab‘s um etwa ¾ gekürzt, die verbliebenen Partien gestrafft oder umgeschrieben, schließlich Mitte und Schluss komplett neu gemacht. Jetzt funktioniert‘s – allerdings um den Preis, dass mir die neuen Teile die Orgel „gesprengt“ haben. Unabhängig davon ist das Stück ist, wie ich finde, ganz gut geworden.

Albrecht Dürer…

Wer bei der Überschrift „Melencolia 1“ an den berühmten Kupferstich Albrecht Dürers denkt, liegt richtig. Die faszinierende Vielschichtigkeit des Dürer‘schen Meisterstichs entschlüsseln, das kann ich ebenso wenig wie irgendwer sonst. Aber ich kann einige der Motive in meine Noten hinein nehmen: Melancholie und Trauer zum Beispiel, Geometrie und Zirkel, Engel, Schönheit.

Jophiel – einer der Engel Gottes

Schönheit! Die apokryphen Überlieferungen kennen Jophiel, einen der Cherubim Gottes; manchen ist er auch als Erzengel bekannt. Jophiel: Die hebräische Wortwurzel „jophi“ bedeutet „schön“. Der Name des Engels lässt sich demnach übersetzen als „Schönheit Gottes“. Zugleich gilt Jophiel als Engel der Weisheit. Astrologisch wird er Saturn UND Jupiter zugeordnet, beiden zugleich! Saturn steht hier für das Prinzip der Begrenzung, der Enge, Jupiter für das der Fülle. Schließen sich diese Prinzipien nicht aus? Und dennoch: Gerade in der Vereinigung dieser Gegensätze wird Schönheit überhaupt erst möglich.

Weisheit übrigens auch. Vielleicht – und in den Überlieferungen gibt es weitere Hinweise dafür – ist Jophiel der Engel der gegensätzlichen Prinzipien? Vielleicht genau deshalb auch die Repräsentantin von Gottes Weisheit? Von Gottes Schönheit?

Oben sagte ich‘s: Die frühe Fassung des Adagio ist mir auseinandergefallen – eben deshalb: Zuviel Jupiter, zu wenig Saturn. Die formalen Grenzen haben nicht funktioniert. In der bildenden Kunst ist es einfacher: Die motivische Fülle des Dürer‘schen Kupferstiches ist gehalten von den physischen Grenzen des Papiers. Die Musik, als Kunstform in der Zeit, kennt keine Bilderrahmen. Musik ist potentiell unendlich, und umso mehr gilt gerade deshalb das Gleichnis vom teuren Wein, der ohne ein begrenzendes Gefäß nutzlos im Boden versickert. Aber darüber mach‘ ich vielleicht mal eine eigene Dreistromgeschichte….

Collage
Melencolia1: Collage aus dem Video

Kurze Überlegungen des Autors…. 😉

Zum Bau hier nur sehr knapp: Wer mag, wird wohl eine modifizierte Sonatenhauptsatzform erkennen. Zugleich „wandert“ das Adagio, nach dem Fugato, in verkürzter Form, durch seine Teile zurück zum Beginn.

Wäre der Schlusstakt metrisch so gestaltet wie der allererste Takt, könnte das Stück, nachdem es einmal durchgelaufen ist, nahtlos mit Takt zwei fortgeführt werden. Ein symbolischer Kreisgesang. Immerhin: Weder wir noch die Engel trauern ewig. Und so schließt der „Kreis der Melancholie“ zwar mit demselben Ces-Dur – es-moll des Beginns: Dennoch fehlt die Möglichkeit eines metrisch nahtlosen Neubeginns. Aber gut…, das sind Details, die dem Autor zu fortgeschrittener Stunde durch den Kopf gehen.

Nun…, Gemeinde hin oder her – die Welt ist glücklicherweise größer als der Rahmen, den die allwöchentliche Gemeindearbeit steckt. Die Monatsmusik für diesen Oktober also als Blick in die Notenwerkstatt. Ein Adagio, unvollständig als „ausformulierte“ Partitur, vollständig als anhörbarer Particell-Entwurf.

Auf einen Blick:

Tonart: es-moll. Besetzung: Orchestral. Particell mit insgesamt 33 Seiten, DinA-4 im Querformat. Spieldauer: Etwa eine Viertelstunde.

Schwierigkeitgrad: Hoch!

Zu den Noten und zum Video

Im Mitgliederbereich könnt Ihr die Noten kostenfrei downloaden. (Login erforderlich). Zudem steht das Adagio auch auf Youtube Online, zum Anhören, Mitlesen, mit einigen Details des Dürer’schen Kupferstichs und zum Zurücklehnen. Hab‘ Euch das Video hier eingebettet.