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Das Skript zum Podcast

Dreistromlandgeschichten – Folge 1

Zusammenfassung: Kirchenmusik als Fach ist cool. Aber keiner weiß es. Woher diese Diskrepanz? Eine Spurensuche: Was will Kirchenmusik überhaupt? Was ist ihr Anspruch? Warum gibt es sie? Viele Fragen. Und unbescheidene Antworten.

Erweiterte Inhalte im März:

„Die ganze Welt, Herr Jesu Christ“ – Chorlied. Kirchenjahr: Ostern. Tonart: d/es, Besetzung: S.A.B., Text: Friedrich Spee von Langenfeld, Melodie: Köln, 1623, Satz: Thomas Jung. Partitur im PDF-Format, 2 Seiten (Gratis), 4 Seiten (Shop). Schwierigkeitsgrad: mittel.

(2 Strophen als Gratis-Download und Audio im Mitgliederbereich (Login notwendig), vollständig und in Chorstärke erhältlich im Dreistrom-Shop)

Kirchenmusik? Kann man das studieren?...

von Thomas Jung | Dreistromgeschichten

Dreistromgeschichten, Folge 1

Wisst Ihr was: Kirchenmusik gehört zu den coolsten Fächern, die man auf dieser Welt studieren kann. Und sie hat sie ein Problem: Im Bevölkerungsdurchschnitt weiß kaum jemand, WIE cool das Fach wirklich ist. Außerhalb des „Biotopes Kirche“ sowieso nicht. Aber auch unter Kirchgängern ist in Bezug auf die Kirchenmusik nur wenig bekannt. Oder? Ihr dürft gerne widersprechen…

Was gibt’s’n da zu studieren?…

Eine kurze Geschichte, ok? Und gleich ein Outing: Ich war nie beim Militär. Jüngere Menschen kennen sie heutezutage möglicherweise gar nicht mehr: Die Wehrpflicht. Segensreiche Einrichtung: Die Jungs wurden nach der Schule für anderthalb Jahre beim Bund ein-kaserniert – oder sie „durften“ knappe zwei Jahre zum Zivildienst. Also…, normalerweise.

Ich könnte jetzt von Gewissensprüfungen erzählen, denen sich all‘ jene unterziehen mussten, die den Dienst an der Waffe ablehnten.  Oder von Tricksereien, um sich den Dienst generell zu ersparen. Aber da das hier nichts weiter zur Sache tut, lass‘ ich das. Jedenfalls bin ich nach der Schule erstmal im Zivildienst gestrandet. Für mich hieß das: Knappe zwei Jahre beim Roten Kreuz.

Es gab eine Altersgrenze. Die war, soweit ich‘s noch weiß, der 25. Geburtstag: Wen die Behörden bis dahin vergessen oder verschlumpst hatten – beim Stand der Datenbanktechnik in den späten 1980-ern – kam sowas damals gelegentlich vor, hatte Glück. Der war von Rechts wegen freigestellt und konnte nicht mehr eingezogen werden. Weder zum Dienst an der Waffe, noch zu dem in Zivil.

Also – die Geschichte. Wie gesagt, ich war beim Roten Kreuz. Einige Monate nach mir kam ein „Neuer“, nennen wir ihn Tim. Groß, blonder Kurzhaarschnitt, kurz zuvor 25 geworden und in seinem Fall hatte die Bürokratie funktioniert: Nur wenige Wochen vor seinem Geburtstag bekam Tim sein „Glückwunschschreiben“ vom Bundesamt für Zivildienst in Form einer Einberufung.

Tim war etwa fünf Jahre älter als wir anderen. Seine Freude über den aufgezwungenen Dienst lag auf einer Skala von 0 bis 10 bei etwa minus 100. Für Tims chronisch schlechte Laune in den ersten Tagen hatte jeder von uns ein tief empfundenes Verständnis. 

Aber gut, auch die miserabelste Laune dauert nicht ewig, und bald war Tim Teil unserer Truppe. Er hatte bereits etwas Kohle verdient, erzählte von seinem Job.

Und du? Was machst du, wenn du hier raus bist?“, fragte er eines Tages. „Studieren. Musik.“ – „Musik! Cool. Was spielst‘n? Gitarre?…, obwohl…, nee, du siehst nicht aus wie einer, der Gitarre spielt.“ – „Nicht?“, mußte ich lachen. „Schule!“ hatte Tim gegrinst, „Als Lehrer könntest du durchgehen.“ – „Könnte sein“, stimmte ich verhalten zu. „Aber nee…., will in die Kirchenmusik.“

Kurzes Schweigen. Forschender Ausdruck in Tims Gesicht: „Ähm…, warte…, warte…, das kenn‘ ich. Wie ging das. Ah!“, ein Händeklatschen mit leuchtenden Augen, plötzlich eine freudig erregte Fast-Kinderstimme: „Hallelu-, Hallelu-, Hallelu-, Halleluja,…“

So abrupt, wie er begonnen hatte, war der Ausbruch zu Ende. Ein kurzer, etwas peinlich berührter Blick über die Schulter, dann die verständnislose Nachfrage:

„Sach mal…ej, was…, was gibt‘s‘n da zu studieren?“

Tjach – was? Eine ganze Menge.

Aber warum weiß das kaum jemand? Wieso wissen so wenige, wie cool ein Kirchenmusikstudium ist? Es gibt viele Gründe – der Begriff selbst liefert gleich den ersten. Also: Was ist Kirchenmusik?

Saloppe Antwort: Das, was die Leute in der Kirche singen.

Stimmt. Das ist auch gleich einer der ersten Kontaktpunkte.

Im „Kirchensprech“ ist das deutlich vornehmer formuliert:

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Zitat:

„Die Kirchenmusik ist ein wesentlicher Bestandteil der feierlichen Liturgie. Daher nimmt sie an dem allgemeinen Zweck derselben teil, der da ist, die Ehre Gottes und die Heiligung und Auferbauung der Gläubigen.“

Pius X.

Der andere unmittelbare Kontaktpunkt ist die Orgel. Die „Königin der Instrumente“. Das erste und letzte, was in liturgischen Feiern zu hören ist. Ausgerechnet diese Königin ist unter allen Instrumenten dasjenige, welches am häufigsten öffentlich von Menschen bedient wird, die noch auf dem instrumentaltechnischen Lernweg sind…

Das liegt nicht an den Organist/Innen. Wer einmal unbedarft an den Spieltisch einer großen Orgel geraten istwird bestätigen, dass die Bedienung der vielen Knöpfe, Züge, Tasten, Tritte und Pedale ein Königweg in eine akute Überforderung ist. Jede und jeder, die oder der es lernt, investiert viel Zeit unter Mühen, Rückschlägen und Anstrengungen in eine steile Lernkurve.

Diejenigen, die sich diesen Hürden aussetzen, gehören nicht zur Mehrheit der Menschen. Gerade in ländlichen und vorstädtischen Regionen ist die Anzahl studierter Organist/Innen häufig  so überschaubar, dass die Geistlichen glücklich sind, wenn sich überhaupt eine gute Seele mit der Bereitschaft findet, Orgeldienste zu übernehmen.

Kirchenmusik…, Versuch einer Annäherung

Eine „Faszination“ für Kirchenmusik ist bislang kaum nachzuvollziehen. Allerdings ist es ungerechtein komplettes Fach aufgrund seiner äußeren Erscheinung zu verwerfen. Wo Schhatten fällt, gibt es irgendwo Licht.

Obgleich ich nicht katholisch bin, möchte ich dennoch kurz zum Votum vom Pius X. zurückkehren. Wie war das:

Die Kirchenmusik ist ein wesentlicher Bestandteil der feierlichen Liturgie.“

Tjach…, gut. Eine der üblicheKirchenfloskeln?

Könnt Ihr so werten. Aber Gold ist oft versteckt. Lasst den Weihrauch in Euren Kopfkinos beiseite und wir übersetzen: Liturgie…, was ist das? Wörtlich bedeutet das griechische „Leiturgia“ soviel wie „Dienst“. Und zwar im Sinne eines Dienstes am Volk. Oder schlicht: „Öffentlicher Dienst“.

Ok, Pius X., noch einmal: Jetzt mit ausgetauschten Begriffen:

Die Kirchenmusik ist ein wesentlicher Bestandteil des Dienstes an der Öffentlichkeit.

Mit einem Mal schimmert unter der unspektakulären Oberfläche eines schwächelnden Gemeindegesangs eine Dimension hervor, die manchen möglicherweise doch überrascht.

Bleiben wir einen Moment beim Begriff der Liturgie und der Übersetzung: Der Dienst am Volk ist eben genau das: Etwas, was dem Volk dient oder hilft. Daraus folgt die unmittelbare Frage, wer dieser Dienende ist? Das Volk selbst offensichtlich nicht. Also: Gott?

Wenn Ihr Atheisten seid, oder a-religiös, dann tauscht den Begriff „Gott“ gegen das aus, was für Euch wichtig, groß, umfassend ist.

Ich tu‘ das hier. Eine von zig Möglichkeiten könnte sein: Höchste Instanz im Unversum.

Damit übersetzen wir das Papstwort ein zweites Mal:

Die Kirchenmusik ist ein wesentlicher Bestandteil defeierlichen öffentlichen Dienstes der höchsten Instanz im Universum an uns.

Kosmologen könnten noch eins draufsetzen: Die Kirchenmusik ist ein wesentlicher Bestandteil defeierlichen öffentlichen Dienstes an uns, gegeben von der höchsten Instanz aller Multiversen.

Größenwahn?

Naja…, wenn wir von einem Größten, von einer höchsten Instanz ausgehen – und die Liturgie tut das per definitionem – dann stehen eben auch die Bestandteile dieser Liturgie unter denselben absoluten Maßstäben. In unserem Fall gilt also für die Musik: Wie kann eine Musik vor der Unendlichkeit beschaffen sein? Kann sie es überhaupt?

Ich kenne keine Musikgattung, die solche Fragen überhaupt nur stellt.

Ihr braucht selbst kein religiöses Weltbild zu teilen. Aber Ihr könnt Euch kurz in jemanden hinein versetzen, der eines hat:

Dass ein Musiker vor dem Hintergrund des „Größten“anders an seine Partituren herangeht als ein Musikproduzent, der am kommenden Sommerhit basteltwerdet Ihr nachvollziehen können…

Und was bedeutet das? Wie kann sich Musik vor dem Unendlichen verhalten? In den Jahrhunderten haben Musiker darauf ganz unterschiedlich geantwortet. Um diese Ideen und die Menschen hinter ihnen wird es im Laufe der Zeit in diesem Blog gehen – und Ihr ahnt, ich hoffe esspätestens jetzt ein wenig von der Fasziniation, die diese Fragen ausstrahlen können.

Pius‘ Votum, ein letztes Mal: Es gibt dort diesen zweiten Satz.

Die Musik, so sagte Papst, nehme teil am allgemeinen Zweck der Liturgie, der da sei, die Ehre Gottes und die Heiligung und Auferbauung der Gläubigen.“

Weihrauchschalen wieder beiseite und übersetzen. Dann steht da, dass der „öffentliche Dienst“, einen Zweck hatDieser Zweck besteht darin, das denkbar Höchste zu ehren. Dieses Höchste dient gleichzeitig den Menschen. Die Menschen werden von ihm „auferbaut“ und geheiligt. Geheiligt – der Begriff kommt aus der Wurzel „heil sein“, im ganzheitlichen Sinn, gesund, stark. An diesem Zweck – durchaus im Sinne eines Ziels – hat die liturgische Musik Anteil.

Anders formuliert: Das Universum, das Höchste Denkbare, das Numinose, bedient sich der Musik mit dem Ziel, das Volk ganzheitlich aufzubauen.

Noch anders: Das Volk erhält die Musik von Gott, um sich heilen zu lassen und gibt sie an Gott zu dessen höherer Ehre zurück.

Zum Vergleich: Unser heutiger Ansatz der modernen Musiktherapie hält hier nicht ansatzweise mit – und übrigens gehört gerade der Aspekt des Heilens zu denjenigendenen in der Musikentwicklung des späten 19. und 20. Jahrhunderts immer weniger Platz eingeräumt wurde.

Vorläufiges Fazit: Ich denke, dass es innerhalb der Musik nichts sonst gibt, was derartige Räume auslotet – und solche Anforderungen auch nur formuliert.

Freunde des Dreistromlandes, denkt das bitte noch ein wenig weiter: Musik, die sich in kosmischen und gesamt-menschheitlichen Dimensionen bewegt, muss ihre religiösen und konfessionellen Grenzen sprengen. Musik, die sich in ihrem Anspruch zwischen Menschheit und Unendlichkeit bewegt, wird die Anforderungen liturgischer Feierlichkeiten vor Ort hinter sich lassen. Genau das ist geschehen. Ein Beispiel nur: Der Text von Bachs h-moll-Messe ist der der katholischen Liturgie. Die Musik ist die der gesamten Menschheit.

Andererseits: Welche Fallhöhe hat eigentlich eine Musik mit dem Anspruch, das Allmächtige, Allumfassende zu reflektieren? Kann sie scheitern? Und die Menschen, die sich mit ihr befassen? Was ist mit denen? Ein Gott mag mit dem Unendlichem umgehen können. Wir Menschen haben da zuweilen unsere Probleme.

Aber das sind viele weitere Geschichten, auf die Ihr Euch während des nächsten schwächelnden Gemeindegesangs freuen dürft.

VerwendeteMusik in der Podcast-Episode

Max Reger: Passacaglia in d-moll ohne Opuszahl (Beginn). Orgel: Thomas Jung, Kreuzkirche/Wesseling.

Johann Sebastian Bach: Beginn des „Kyrie“ aus BWV 232. Erzeugt mit Finale und Garritan-Orchestra-Library